182 traumhafte Kilometer bis zum nächsten Ort


Thorsten Brönners Radtour in Kanada und Alaska (2)

Lohr. Sieben Wochen durchquert Thorsten Brönner aus Wombach auf einer Allein-Tour mit dem Rad den Westen Kanadas und Alaska. Sein erster Wochenbericht: Da sitze ich nun im Flugzeug, das Ziel ist Calgary. Vor mir habe ich eine Radreise nach Alaska und zurück, ganz auf mich alleine gestellt. Mein Sitznachbar erzählt mir, dass er bei seinem letzten Kanada Urlaub erfahren hat, dass zwei deutsche Mountainbiker in den Rockys von einem Bären getötet wurden. Bei der Landung ist alles grau in grau und es regnet. Was für Aussichten! In der Jugendherberge montiere ich mein Fahrrad und lege mich schlafen.

1. Tag: Der erste Wolf

Bei 3 Grad Plus verlasse ich Calgary am frühen Morgen. Ich fahre durch die Prärie, wo überall Rinderherden und sehr viele Pferde grasen. Immer wieder blicke ich in den Wald und halte Ausschau nach Wildtieren. Als erstes sichte ich einen einzelnen Wolf, der keine 20 Meter neben der Straße im Wald sitzt. Gegen Mittag erreiche ich auf dem Highway Nr. 1 die Rocky Mountains, und die Stadt Banff. 1885 wurde hier der Rocky Mountain Park als erster kanadischer Nationalpark errichtet. Als Nachtquartier habe ich mir Lake Louise ausgewählt. Das berühmte Dorf liegt in einer Höhe von 1539 Metern. Auf dem Campingplatz, der zum Schutz vor Wildtieren von einem Elektrozaun umgeben ist, richte ich mein Zelt für die Nacht ein.

2. Tag: Schlafen in der Dusche

In der Nacht werde ich von Schnee geweckt, der auf mein Zelt fällt. Am nächsten Morgen ist die Landschaft in weiß gehüllt. Die beiden Seen Lake Lousie und Moraine Lake sind von schneebedeckten Bergen und Nadelbäumen umgeben und bieten eine traumhafte Kulisse. Kurz nach Lake Louise habe ich den Icefield Parkway erreicht. Die landschaftliche Schönheit dieser Hochgebirgsstraße sucht ihresgleichen. Eisströme, die fast bis an die Straße reichen, hängende Gletscher hoch im Gebirge, schneebedeckte Gipfel bis 3600 Meter, hohe Pässe, rauschende Flüsse und unberührte Wälder laden mich immer wieder zum Verweilen ein. Den ganzen Tag über schneit es leicht. Mit dem 2069 Meter hohen Bow Summit Pass überquere ich den höchsten Punkt der Strecke. In dieser Nacht übernachte ich alleine auf einem Campingplatz, der noch geschlossen hat. Zur Sicherheit verbarrikadiere ich mich in einem Duschhäuschen und gebe mein Essen in einen vor Bären sicheren Container.

3. Tag: Bären-Begegnung

Als erstes steht der 2035 Meter hohe Sunwapta Pass, die Grenze zum Jasper National Park, auf dem Programm. Höhepunkt des Parks ist das 325 km2 große Columbia Icefield. Von einem Parkplatz habe ich eine gute Sicht auf den Athabasca-Gletscher. Erschreckend ist, in welcher kurzen Zeit sich diese größte zusammenhängenden Eismasse der Rockys verringert. Seit 1844 hat sich der Gletscher 1,5 km zurückgezogen. Jetzt fahre ich bei angenehmen 18 Grad Tal abwärts in Richtung Jasper. Neben der Straße bahnt sich der grün-blaue Athabasca River seinen Weg durch die Wildnis. Er ist der schönste Fluss, den ich je gesehen habe. Auf einmal parken rechts und links am Staßenrand einige Fahrzeuge, mir ist gleich klar, was das bedeutet. In einem Baum erspähe ich zwei Schwarzbären, die genüsslich frische Blätter futtern.

4. Tag: Eis auf dem Zelt

Als ich am Morgen uf dem Wapiti Campground im Touristenort Jasper aufwache, ist mein Zelt nach einem nächtlichen Schauer von einer Eisschicht überzogen. Das Zusammenpacken wird zur Qual. Weiter geht es bei strahlend blauem Himmel auf dem Yellowhead Highway. Die Fahrt ist ein wahrer Genuss. Ich passiere viele Seen, in denen sich die schneeweißen Berge spiegeln und Kanadagänse ihre Jungen ausführen. Neben der Straße erblicke ich immer wieder Wapitihirsche. 21 Hirschkühe und drei stattliche Hirsche zähle ich heute. Dazu bekomme ich viele Weißwedelhirsche, Dickhornschafe und Schneeziegen zu Gesicht. In Hinton decke ich mich noch mal mit Vorräten ein, weil jetzt eine einsame Strecke ansteht. Auf dem Bighorn Highway sehe ich, so weit das Auge reicht, nur schneebedeckte Wälder. Hier oben wird es ganz still um mich herum, kein Lebenszeichen ist auszumachen. Als ich meinen Campingplatz erreiche, muss ich feststellen, dass ich wieder alleine übernachten werde.

5. Tag: Kampf gegen den Wind

Bei strahlendem Sonnenschein bäumen sich die Rocky Mountains noch mal im Westen auf, werden aber in Richtung Norden immer kleiner. Am Himmel bahnt sich etwas an, starke Windböen künden von Regen. Nun bläst er so stark, dass ich kaum noch vorwärts komme und es beginnt zu regnen. Im nächsten Ort schaue ich mir ein Museum über die Region an und fülle meine Vorräte auf. Bis zum nächsten Ort sind es beängstigende 182 km. Der starke Wind, den ich jetzt zum Teil von hinten abbekomme, bringt die beeindruckensten Wolkenformationen zu Tage. Gegen Abend durchflutet die Sonne die grünen Wälder, die sich bis zum Horizont erstrecken. Mit 235 km war das bisher die längste Etappe.

6. Tag: 1052 Kilometer geschafft

Eigentlich steht heute eine leichte Etappe durch die Wildnis an. Eigentlich! Da sich dem Wind nun kein Hindernis mehr in den Weg stellt, bläst er mit immenser Stärke gegen mich. In den ersten beiden Stunden schaffe ich läppische 26 Kilometer. Frustriert setzte ich mich in die Prärie, stelle mein Radio laut und bereite mir ein warmes Essen zu. Dabei schaue ich den Trucks nach, die am Horizont verschwinden. Irgendwann schwinge ich mich wieder aufs Rad. Bis auf den Wind und den kurzen Regen habe ich in den letzten beiden Tagen bei 20 Grad traumhaftes Wetter zum Rad fahren. In Dawson Creek werde ich den ersten Ruhetag verbringen. Bei meinen ersten ereignisreichen Etappen habe ich bisher 1052 Kilometer zurückgelegt.




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