Er läuft und läuft und läuft
Thorsten Brönners Erlebnisse bei der Radtour in Kanada und Alaska (5)
In Alaska sind diesen Sommer die Höchsttemperaturen weiterhin wärmer als hierzulande. In seiner vierten Tourwoche kämpft Thorsten Brönner mit Wind und Moskitos, und es trifft ihn fast der Hitzschlag.
23. Tag: Der Weltläufer
Fairbanks am Chena River gelegen, ist die zweitgrößte Stadt Alaskas. Die Stadt hat ihre Gründung dem Goldrausch zu verdanken. Am Ende der »Alaska Railroad« ist es heute das Nachschub- und Dienstleistungszentrum für Zentralalaska. Heute ersetze ich abgenutzte Fahrradteile wie Kette, Mantel und Bremsklötze. Vor dem Fahrradladen sehe ich einen Reisenden vor einer Weltkarte. Der junge Mann aus England ist am untersten Winkel von Südamerika gestartet und bis hierher gereist. Aber nicht etwa mit dem Auto, Motorrad oder Fahrrad, nein er ist mit einer Handkarre hierher gelaufen! Am 1. November 1998 ist er losgelaufen und hat rund 23000 Kilometer zu Fuß zurückgelegt. Im März 2005 will er über die gefrorene Beringstraße nach Russland gelangen und zurück nach Europa laufen. Er hat ausgerechnet, dass er innerhalb von zwölf Jahren nach rund 58000 Kilometern in England zurück ist.
24. Tag: 300 Kilometer Fernblick
Gleich zu Beginn geht es auf einige Hügel hinauf, von denen ich die traumhafte Fernsicht genieße. Zu sehen sind große Wildflüsse, die sich ihren Weg durch die Wälder bahnen. Ein paar 4000er Berge der rund 300 Kilometer entfernten Alaska Range rücken ins Blickfeld. Ein wenig später erblicke ich auch den Denali (Mount McKinley). Er ist mit 6193 Metern der höchste Berg Nordamerikas, und er ist heute »heraußen«. An zwei von drei Tagen steckt er in den Wolken. Auch heute steigen die Temperaturen wieder bis auf 26 Grad. Als ich zu Abend esse, raschelt es verdächtig an meinem Packsack. Ein Eichhörnchen ist gerade dabei, ein Loch in den Lebensmittel-Beutel zu knabbern und lässt sich durch nichts stören.
25. Tag: Im Nationalpark
Der Denali Nationalpark bietet eine faszinierende Vielfalt an Tieren und Pflanzen. Vom Dall-Schaf zum Karibu und vom Erdhörnchen bis zum Grizzly ist alles vertreten. Die einzige Straße, 149 km lang, führt zur Ortschaft Kantishna mitten im Park. Um die einzigartige Natur zu schützen, darf sie nur von Bussen und mit dem Fahrrad befahren werden. Bei jeder Tiersichtung hält der Bus und die Horde stürmt mit Fotoapparaten bewaffnet aus dem Bus. Zu Beginn überquere ich einige wunderschöne Wildflüsse, ich sehe Karibus, Schneeziegen und Elche in der weiten Berglandschaft. Es gibt aber auch drei schwere Pässe zu überwinden. Auf einer Wiese unter mir erblicke ich eine Grizzly-Mutter mit drei Jungen. Es geht ein Tal hinunter, wobei es leider wieder richtig heiß wird. Als ich meinen Campingplatz am weltberühmten »Wonder Lake« erreiche, werde ich schon gebührend empfangen. Zu hunderten schwirren die Moskitos um mich herum und machen das Zeltaufbauen zur Qual. Gegen 24 Uhr ist der Berg in seiner wahrlichen Größe zu sehen. Mein Campingplatz befindet sich auf rund 500 Metern und bis zum Berggipfel des Denali sind es noch rund 5700 sichtbare Meter. Selbst am Mount Everest kann man keinen so großen Höhenunterschied betrachten. Gegen 3 Uhr morgens wird die Berggruppe von der aufgehenden Sonne angestrahlt.
26. Tag: »Die Teufelsbrut«
Da die Moskitoplage immer noch so schlimm ist, flüchte ich auf einen Hügel über dem See. Hier bläst ein wenig der Wind, so dass die »Teufelsbrut« nicht so recht an mich ran kommt. Ganz im Dienst der Wissenschaft hat ein Wissenschaftler in Nord-Kanada freiwillig seinen Ärmel hochgekrempelt, um zu sehen, wie viele Moskitos zur selben Zeit angreifen würden . es sollen etwa 280 Bisse pro Minute gewesen sein. Als ich am Mittag wieder am Campingplatz bin, erwarten mich die Biester schon, so dass mir nur das Zelt zur Rettung bleibt. Es hat sich aber in der Sonne total aufgeheizt, so dass ich fast einen Hitzeschlag bekommen.
27. Tag: Die schönste Landschaft
Als ich mich auf den Weg zurück zum Parkeingang mache, weht es richtig los. Mit enormer Kraft prescht der Wind von den Bergen. Aber dadurch sind auch die Moskitos wie weg geblasen. Der Denali Nationalpark ist die schönste Landschaft, die ich bisher in meinem Leben gesehen habe.
28. Tag: Wind zum Verzeifeln
Als ich am Morgen in Richtung Süden weiterfahre, hat sich der Wind immer noch nicht beruhigt. Wieder fällt meine Reisegeschwindigkeit ins Bodenlose. Das sind die Momente, in denen man alles hinschmeißen möchte. Meinen Beinen scheint das Ganze komischerweise gar nichts auszumachen. Das ist Alaska, es kann grausam sein oder auch wunderschön.
29. Tag: Radler-Begegnungen
Nach dem Frühstück komme ich mit einem älteren Münchner Radreisenden ins Gespräch. Er ist für einige Wochen in Alaska unterwegs und unternimmt schon seit 15 Jahren in seinen Urlaubswochen Radreisen durch die schönsten Länder. Die heutige Etappe ist das Gegenteil von gestern. Die Sonne lacht am Himmel, die Temperaturen erreichen wieder um die 25 Grad und vor allem ist der Wind endlich weg. Am Abend baue ich mein Zelt einsam auf dem Campingplatz neben dem Startort des Iditarod Hundeschlittenrennens auf. Das berühmte Rennen führt von Wasilla über 1688 Kilometern bis nach Nome.
30. Tag: Schnell wieder raus
Die heutige Etappe führt mich nach Anchorage hinein, das mit 250000 Einwohnern die größte Stadt Alaskas ist. Als 1915 mit dem Bau der Alaska Railroad begonnen wurde, entstand eine Zeltstadt für 2000 Eisenbahnarbeiter. Mit dem Ende des zweiten Weltkrieges und den ersten Ölfunden auf der Kenai-Halbinsel begann das unaufhörliche Wachstum der Stadt. Anchorage ist keine schöne Stadt, selbst unter den Einheimischen ist der Spruch »das Beste an Anchorage ist, dass es nur eine halbe Stunde von Alaska entfernt ist« weit verbreitet. Bei einer Fotopause spricht mich ein lokaler Reporter an, der für die Zeitung »Alaska Star« arbeitet. Ich posiere also vor dem Rad und einer Blumenwiese für ein Foto und beantworte seine Fragen. Dann geht es für mich in die große Stadt hinein, die heute am Samstag brechend voll ist. Da ich bei diesen Bedingungen keine Lust habe, mir etwas anzuschauen, flüchte ich gleich wieder aus der Stadt.
Danach fahre ich den Turnagainarm entlang. Der Tidenhub von bis zu zehn Metern sorgt hier zwei Mal täglich für ein außergewöhnliches Spektakel. Bei Ebbe läuft der flache Meeresarm fast leer, mit auflaufender Flut rollt eine Wasserwalze mit 20 bis 25 Stundenkilometern Geschwindigkeit über den Schlick. Es gibt entlang der Strecke viel zu sehen, was Autofahrer zum langsam Fahren verführt. Das ärgert die Einheimischen. Inzwischen verteilt die Verkehrspolizei Strafzettel an jeden, der eine Schlange von mehr als fünf Fahrzeugen hinter sich herschleppt. Ich zweige ab auf die wenig befahrene Straße nach Whitter. Vor einem langen Tunnel, der für Radfahrer gesperrt ist, halte ich den nächsten Pickup Truck an, der mich mitnimmt. Der Tunnel ist einspurig und wird abwechselnd von Autos und von den Zügen benutzt.
Als ich in Whitter eintreffe, weiß ich gar nicht, was ich zu erst fotografieren soll. Da steht ein schöner Zug der Alaska-Railroad, daneben liegt das Luxusschiff »Island Princess« vor Anker das schätzungsweiße 250 Meter lang ist, dann gibt es einen schönen Yachthafen und der Fjord und die unzähligen Gletscher, die fast bis ans Meer hinab reichen, sind auch nicht zu vergessen. Vor meinem nächsten Ruhetag beträgt mein Kilometerstand nun 4697.