Hitze, Feuer und Eis
Thorsten Brönners Erlebnisse bei der Radtour in Kanada und Alaska (6)
Tagelang 33 Grad im Schatten, aufgeweichter Asphalt und Waldbrände: Alaska erlebt gerade seinen historisch heißesten Sommer.
31. Tag: Durch die Eisschollen
Um 7 Uhr ist die Nacht für mich vorüber. Direkt neben meinem Zelt muss einer am Sonntagmorgen mit einem Bagger seiner Arbeit nachgehen. Gegen Mittag startet meine Fähre in Richtung Valdez. Der Kapitän steuert auf einen Berg zu, von dem einige Wasserfälle ins Meer stürzen. Hunderte Möwen umschwirren ein paar Kajakfahrer die dort herumpaddeln. Sanft gleitet die »Aurora« durch ruhige See, die Sonne strahlt und irgendwie kann ich mir Alaska gar nicht bei schlechtem Wetter vorstellen. Das Schiff fährt an einer Seelöwenkolonie, die mehrere hundert Tiere groß ist, vorbei.
Gegen Abend kündigen treibende Eisschollen den Höhepunkt der Fahrt durch den Prince William Sund an. Wir nähern uns dem Columbia Gletscher, der direkt ins Meer »kalbt«. Alles versammelt sich am Bug des Schiffes, die Motoren werden abgestellt, kein Mensch wagt es noch etwas zu sagen. Alle sind total gefangen von der Stimmung. Eisberge schwimmen vor den über 4000 Meter hohen Bergen, und ich fühle mich schon ganz nahe an dem, was ich irgendwann einmal sehen möchte . die Antarktis. Dann passiert die Fähre das Bligh Reef, an dem 1989 der Tanker »Exxon Valdez« gesunken ist. 40 Millionen Liter Rohöl hatten über 2000 Kilometer Küste verschmutzt.
32. Tag: Energieverschwender
In Valdez wurden bisher über 14 Milliarden Barrel Öl in die Tanker gepumpt. Ich bekomme jeden Tag mit, wie verschwenderisch manche Nordamerikaner sind. Da werden Großeinkäufe gemacht und das Auto läuft weiter. Kurz nach Valdez führt die Straße durch den Keystone Canyon, in dem wunderschöne Wasserfälle zu Tal stürzen. Dann geht es über den 892 Meter hohen Thompson Pass. Am Nachmittag steuere ich den Wrangell-St.-Elias-National-Park an. Im Park befinden sich einige Vulkane, von denen der 4317 Meter hohe Mount Wrangell der höchste aktive Vulkan Alaskas ist.
33. Tag: Französisch bekocht
Am Morgen ist es total still, da sich kaum ein Auto hierher verirrt. Ich fahre bis zum Indianerdorf Chitina am Copper River. An dem großen Fluss streiten sich einige Fischer mit den Möwen und den Weißkopfseeadlern um den besten Fisch. Im Fluss stehen einige automatische Fischfangmaschinen. Zurück auf dem Highway kann ich die schneeweißen Vulkane schön sehen. Während ich einkaufe, erzählt ein alter Buschflieger Geschichten über seine Flugkünste beim Löschen der Waldbrände. Jeder 20. im Land hat einen Flugschein. Da wird schon mal mit dem Flugzeug einkaufen geflogen. Auf einem Rastplatz treffe ich eine 35-jährige Französin, die in Anchorage gestartet ist und bis Seattle hinunter fahren möchte. Außerdem stehen noch über 10 bis 15 Länder in Asien auf ihrem Programm. Sie will nach 15 Monaten in Paris zurück sein. Wir radeln zusammen in den Abend hinein. Von Helene werde ich am Abend bestens bekocht.
34. Tag: Brennend heiß
Gemeinsam erreichen wir die Stadt Tok. Ich bin jetzt einen sehr schönen Kreis durch Alaska gefahren. An einem Supermarkt treffen wir Naoya, einen 21-jährigen Japaner, der nach San Diego fahren möchte. Also radeln wir zu dritt aus der Stadt hinaus. Gesprächsthema sind die ersten großen Waldbrände des Jahres. Von der Straße aus sehen wir große Brandherde, von denen riesige Rauchwolken in die Höhe ragen. Wegen des Feuers ist sogar der Top of the World Highway gesperrt. Wir auf unseren Fahrrädern haben mit brütender Hitze anderer Art zu kämpfen. Wie schon seit Tagen erreichen die Temperaturen 33 Grad im Schatten. Aber wo ist hier schon Schatten? Es heißt, es sei der heißeste Juni in Alaska seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Auf einmal hat Naoya einen Platten. Bei der großen Hitze wird der Asphalt so heiß, dass Steinchen an den Mänteln kleben, die sich irgendwann durchbohren. Nach meiner kürzesten Etappe schlagen wir nach 108 Kilometern unser Lager auf. Am Abendhimmel wird eine riesige Feuerwolke von der Sonne so angestrahlt, dass man meinen könnte, der Himmel stehe in Flammen. Irgendwie vermisse ich Alaska jetzt schon.
35. Tag: Der hat ein Leben!
Da ich meine Fähre auf keinen Fall verpassen darf, fahre ich am Morgen zeitig alleine weiter, aber beide sind extra früh aufgestanden, um mich zu verabschieden. Irgendwie fehlen mir die beiden. Auf der ganzen Fahrt hatte ich keine Probleme mit dem alleine sein, das ist jetzt das erste Mal. Nahe dem Ort Beaver Creek brennt der Wald auf einer Fläche von 50000 Hektar. Aber die Menschen greifen erst ein, wenn Wohnhäuser gefährdet sind. Die Wälder brennen schließlich schon seit Jahrtausenden. Am Abend treffe ich auf eine 16-köpfige Radgruppe. Der Chef der Gruppe erzählt mir, dass er in Hawaii wohnt und Radreisen in Nordamerika, Europa und Neuseeland organisiert. Ich denke mir nur: Der Mann hat ein Leben.
36. Tag: Völlig frei
Im Ort Haines Junction lade ich meinen Packesel noch einmal richtig voll, denn auf den nächsten 256 Kilometern gibt es keine Versorgungsstellen. Dann biege ich auf die Haines Road ab. Sie führt am Kluane-National-Park entlang, in dem sich auch der Mount Logan befindet, der mit 6050 Metern der höchste Berg Kanadas ist. Gegen Abend bin ich ganz alleine auf dieser Traumstraße unterwegs, es ist ein Gefühl, völlig frei zu sein.
37. Tag: Bäriger Beginn
Am Morgen sehe ich einen Mann die Straße auf und ab fahren. Nach einiger Zeit steht er am Straßenrand und links von ihm ist eine riesige Grizzlymutter mit ihrem nicht gerade kleinen Jungen unterwegs. Die Entfernung zu den Bären beträgt vielleicht 50 Meter, deshalb fährt er neben mir her, bis ich in sicherem Abstand bin. John ist Berufsfotograf und auf Bärenfotos aus. Interessierte können sie unter www.wildernessprints.com ansehen. Wieder einmal geht mir die Nahrung aus, deshalb muss ich auf den letzten Kilometern hungern. Ich habe nicht mehr so viel Fettreserven und die rückt der Körper nicht mehr so ohne Weiteres heraus, deshalb bin ich ständig am Essen. Als ich den Fjord erreiche, sind die Berge total zugezogen. Die Fähre hat zwei Stunden Verspätung und die Leute können alle erst um Mitternacht auf das Schiff. Während wir warten müssen, geht ein Gewitter über dem Ort nieder. Das ist mein erster Regen seit einer Ewigkeit. Oben auf einem geschützten Deck baue ich mein Zelt auf.
Mit der Fähre fahre ich bis nach Prince Rupert an der Westküste Kanadas hinunter. Insgesamt habe ich 5960 Kilometer mit dem Rad zurückgelegt.