Fünf Trikots übereinander
Thorsten Brönners Radtour in Kanada und Alaska (7)
Lohr-Wombach. Nach der Hitzeperiode bestimmen Regen und Wind die letzte Woche von Thorsten Brönners Tour. In Calgary erlebt er ein Abschluss-Feuerwerk
39. Tag: Mein erster Wal
Mit der Fähre fahre ich durch die Inside Passage bis nach Prince Rupert in Kanada. Die steilen Wände tiefer Fjorde, von den Gletschern der letzten Eiszeit aus Granit gehobelt, zerteilen die Festlandküste. Riesige Eisfelder auf dem Dach der Küstenberge schicken mehr als 60 blau-weiße Ströme aus Gletschereis zur Küste. Draußen im Pazifik sehe ich den ersten Wal in meinem Leben. In den nächsten Stunden folgen große Delfinschulen und Buckelwale, die zum Teil aus dem Wasser springen.
40. Tag: Ab in die Regenfront
Mit fünf Stunden Verspätung erreicht die »Matanuska« endlich ihr Ziel. Prince Rupert ist die regenreichste Stadt Kanadas. Als ich die Stadt verlasse, scheint noch die Sonne, aber jetzt fahre ich in eine Schlechtwetterfront hinein. Die Wälder sind beeindruckend, hier stehen riesige Nadelbäume die weit in den Himmel reichen, ein richtiger Regenwald. Dann legt der Regen los, als müsste er die trockenen Wochen auf einmal wettmachen. Zum Glück ist gleich ein Campingplatz in der Nähe.
41. Tag: Fällen und Aufforsten
Nachdem es die ganze Nacht geschüttet hat, bin ich froh, dass es nur leicht nieselt, als ich aufbreche. Die ersten Stunden fahre ich an dem Fjord ähnlichen Skeena River entlang. Der Verlauf des Yellowhead Highways ist kaum zu überbieten: der Fluss, das Gebirgspanorama, die Steilhänge mit unzähligen Wasserfällen. Es geht die ersten 100 Kilometer durch schönen Regenwald. Ständig kommen mir große Trucks mit Baumstämmen entgegen. Aber auf der Reise habe ich keine baumlosen Gebiete gesehen, die Wälder werden vorbildlich aufgeforstet.
42. Tag: Seltsamer Feiertag
Heute ist der 1. Juli und es gibt den Canada Day zu feiern, aber die Trucks fahren hier wie jeden Tag, auf den Highway wird auf den Baustellen gearbeitet und sogar die Geschäfte sind heute geöffnet.
43. Tag: Durchs Blumenmeer
Heute geht es durch schönes Farmland, ich fahre an schönen Wiesen vorbei, die einem Blumenmeer gleichen, mal weiß mal gelb und manchmal verzücken mich lila Wiesen. Es geht durch die Seenplatte des Interior Plateau. Die Müdigkeit hat mich Tag für Tag stärker im Griff. Durch die langen Etappen benötigt der Körper wesentlich mehr Schlaf als sonst.
44. Tag: Immer locker radeln
Kurz nachdem ich losgefahren bin, sehe ich zwei Reiseradler. Andrea und Cormac kommen aus Vancouver und wollen bis zum 15. September nach St. John in Neufundland fahren. Das erste Mal treffe ich auf Tourenradfahrer, die das gleiche Tempo haben wie ich. Die beiden erzählen mir, dass sie Marathonläufer sind. Wenn es keine außergewöhnliche Strecke zu meistern gibt, fahre ich mit meinem Reiserad im Durchschnitt 20 Stundenkilometer. Wichtig ist, locker zu fahren, sonst erholt man sich überhaupt nicht. Heute habe ich bestimmt wieder acht Kilogramm Nahrung dabei, die mit Sicherheit gleich verputzt ist.
45. Tag: Fahren ohne zu treten
Bis zum Mittag geht es schnurstracks geradeaus, durch den Wald wieder Hügel auf, Hügel ab. Abwechslung bieten ein paar Schwarzbären am Straßenrand. Dann tauchen die ersten Berge der Rocky Mountains auf. Ich radle ins wunderschöne Fraser River Valley hinein. Der Wind bläst so stark, dass ich 30 Stundenkilometer fahre und kaum treten muss. Zwischen Rinder- und Pferdeweiden rennt mal ein Elch oder ein Weißwedelhirsch über die Straße. Am türkisfarbenen Fraser River baue ich mein Zelt auf.
46. Tag: Hungrige Eichhörnchen
Gleich am Morgen fahre ich geradewegs auf den gewaltigen Mount Robson zu. Direkt neben der Straße ragt der mit 3954 Metern höchste Berg der kanadischen Rocky Mountains in den Himmel. Gegen Abend erreiche ich den brechend vollen Touristenort Jasper. Wieder einmal muss ich feststellen, wie schnell hier die Eichhörnchen zuschlagen. Während ich dusche, hat wieder einer der Nager ein halbes Brötchen verputzt.
47. Tag: Abfahrt im Regen
Von Jasper aus geht es für mich auf dem Icefield Parkway weiter. Zusammen mit David, einem 44-jährigen Kanadier, fahre ich über den 2035 Meter hohen Sunwapta Pass. Bei der Abfahrt setzt wieder Regen ein und wird immer heftiger. So bauen wir unsere Zelte auf einem Rastplatz am noch jungen North Saskatchewan River auf.
48. Tag: Nässe und Kälte
In einer Regenpause versuchen wir unser Glück, kommen aber keine 10 Kilometer weit. Nachdem wir über eine Stunde untergestanden waren, machen wir uns auf den Weg zum 2069 Meter hohen Bow Summit Pass, den wir im strömenden Regen überqueren. Oben ist es so kalt, dass ich alle fünf Trikots anziehe, bevor wir uns die Abfahrt hinunterstürzen. Danach geht es zum zweiten Mal für mich nach Lake Louise und Banff hinein.
49. Tag: Parade und Feuerwerk
Wie schon am ersten Tag meiner Reise ist es auf der letzten Etappe eisig kalt. Der stürmische Chinook-Fönwind bläst mich nach Calgary hinunter. Teilweise fahre ich 40 Stundenkilometer ohne zu treten. Kurz vor der Stadt treffe ich mich mit Karl Kühnlein, einem Lohrer, der vor 53 Jahren nach Kanada ausgewandert ist. Karl hat von meiner Reise gehört und mir angeboten, bei ihm zu übernachten. Es beginnt gerade die Calgary Stampede, die »weltgrößte Outdoorshow«. Bei der Parade sehen wir Cowboys, Musikgruppen und einige Indianerstämme. Gegen Abend schauen wir uns das berühmte Wagenrennen an. Vier vierspännige Wagen kämpfen um die Plätze und werden von je vier Reitern verfolgt. Der Abend wird mit einem großen Feuerwerk abgeschlossen. Ich hätte mir kein schöneres Tourfinale vorstellen können.
50. Tag: Gastfreundlichkeit pur
Karl bringt mich zum Flughafen. Er arbeitet ehrenamtlich dort als Helfer für deutschsprachige Touristen. Die Familie Kühnlein ist für mich das beste Beispiel der kanadischen Gastfreundlichkeit. Überall auf meiner Reise bekam ich ein »you are welcome« zu hören. Während meines Fluges zurück nach Europa gibt es auch einiges zu sehen. Gleich nach dem Start riesige Rapsfelder, danach einen gewaltigen Sonnenuntergang über der zugefrorenen Hudson Bay und eine Stunde später bereits wieder einen Sonnenaufgang vor der Küste Grönlands. Zu Hause gibt es eine kleine Willkommensfeier.