Tagebuch Teil 1
1. Tag 20.05.2004 +++ Flug nach Calgary
Da sitze ich nun im Flugzeug, das Ziel ist Calgary. Vor mir habe ich eine Radreise nach Alaska und zurück, ganz auf mich alleine gestellt. Mein Sitznachbar erzählt mir, dass er bei seinem letzten Kanada Urlaub erfahren hat, dass zwei deutsche Mountainbiker in den Rockys von einem Bären getötet wurden.
Das Flugzeug setzt zur Landung an, alles ist grau in grau und es regnet. Was für Aussichten!
Ich bestelle mir ein Taxi, das mich zur Jugendherberge bringt. Dort montiere ich mein Fahrrad und lege mich schlafen.
In Deutschland wäre es jetzt 4 Uhr morgens.
Vor der Nordamerikatour
2. Tag 21.05.2004 +++ 223km +++ Calgary - Lake Louise
Der Himmel ist stark bewölkt, als ich bei 3 Grad Plus am frühen Morgen Calgary verlasse.
Ich fahre durch die Prärie wo überall Rinderherden und sehr viele Pferde grasen.
Vor der Stadt stehen die ersten Bohrtürme. Calgary hat seinen Reichtum den Ölfeldern zu verdanken, die vor der Stadt liegen.
Immer wieder blicke ich in den Wald und halte Ausschau nach Wildtieren. Als erstes sichte ich einen einzelnen Wolf, der keine 20 Meter neben der Straße im Wald sitzt.
Er trottet ein paar Schritte neben mir her und verschwindet dann wieder im Wald. Gegen Mittag erreiche ich auf dem Highway Nr. 1 die Rocky Mountains, und die Stadt Banff.
Die Stadt liegt in einer Höhe von 1.380 Metern in mitten des gleichnamigen Nationalparks. 1885 wurde hier der erste kanadische Nationalpark, der so genannte Rocky Mountain Park errichtet, aus ihm wurde später der Banff Nationalpark.
In der näheren Umgebung der Stadt liegen mehrere heiße Quellen, hier wurde im Jahre 1888 das Banff Springs Hotel von der Canadian Pacific Railway erbaut.
1899 wurden Schweizer Bergführer engagiert, um den Besuchern die Bergwelt nahe zu bringen. Heute ist Banff ein lebhafter Kur- und Ferienort, der über das ganze Jahr von millionenfachem Publikum besucht wird.
Als Nachtquartier habe ich mir Lake Louise ausgewählt. Das berühmte Dorf liegt in einer Höhe von 1.539 Metern.
Auf dem Campingplatz, der zum Schutz vor Wildtieren von einem Elektrozaun umgeben ist, richte ich mein Zelt für die Nacht ein.
Ein Erdhörnchen
3. Tag 22.05.2004 +++ 122km +++ Lake Louise - Rampart Creek
In der Nacht werde ich von Schnee geweckt, der auf mein Zelt fällt. Am nächsten Morgen ist die Landschaft in Weiß gehüllt.
Bevor ich weiter dem Kanada Highway folge, schaue ich mir erst die beiden Seen Lake Lousie und Moraine Lake an.
Beide sind von schneebedeckten Bergen und Nadelbäumen umgeben und bieten eine traumhaft schöne Kulisse.
Kurz nach Lake Louise habe ich den Icefield Parkway erreicht. Die Hochgebirgsstraße wurde ausschließlich zur Freude der Besucher gebaut um sie an der Großartigkeit der Rocky Mountains teilhaben zu lassen, die Straße ist für den kommerziellen Verkehr (LKW) gesperrt.
Die Landschaftliche Schönheit dieser Straße sucht auf unserer Erde ihresgleichen. Eisströme, die sich aus den Gletschertoren ergießen und die fast bis an die Straße reichen, hängende Gletscher hoch im Gebirge, schneebedeckte Gipfel bis 3.600 m, hohe Pässe, rauschende Flüsse und unberührte Wälder laden mich immer wieder zum verweilen ein.
Den ganzen Tag über schneit es leicht. Mit dem 2.069 Meter hohen Bow Summit Pass überquere ich den höchsten Punkt der Strecke.
Im nächsten Tal passiere ich den noch jungen North Saskatchewan River. Dieser reißende Fluss wird vom eisigen Schmelzwasser des Saskatchewan Glacier gespeist. Er ist der Anfang des großen Flusssystems, dass sich schließlich in die Hudson Bay ergießt.
In dieser Nacht übernachte ich alleine auf einem Campingplatz der eigentlich noch geschlossen hat. Zur Sicherheit verbarrikadiere ich mich in einem Duschhäuschen und gebe mein Essen in einen vor Bären sicheren Container.
Bis tief in den Mai muss man am Icefileds Parkway mit Schnee rechnen
4. Tag 23.05.2004 +++ 140km +++ Rampart Creek - Jasper
Als erstes steht heute Morgen der 2.035 Meter hohe Sunwapta Pass auf dem Programm. Der Pass stellt auch die Grenze zum Jasper National Park dar.
Höhepunkt des Parks ist das 325 km² große Columbia Icefield. Von einem Parkplatz an der Straße habe ich eine gute Sicht auf den Athabasca-Gletscher. Erschreckend ist, in welcher kurzen Zeitfolge sich der Abschmelzungsprozess dieser größten zusammenhängenden Eismasse der Rockys durch Erwärmung der Erde ereignet, seit 1844 hat sich der Gletscher 1,5 km zurückgezogen.
Jetzt fahre ich bei angenehmen 18 Grad Tal abwärts in Richtung Jasper. Neben der Straße bahnt sich der grün-blaue Athabasca River seinen Weg durch die Wildnis. Er ist der schönste Fluss, den ich je gesehen habe.
Auf einmal parken rechts und links am Staßenrand einige Fahrzeuge, mir ist gleich klar was das bedeutet.
In einem Baum erspähe ich zwei Schwarzbären, die genüsslich frische Blätter futtern.
Als nächstes erreiche ich den Touristenort Jasper, wo ich mir den Wapiti Campground zum übernachten ausgesucht habe. Wie alle anderen Campingplätze ist er schön im Wald gelegen. Jeder Zeltplatz hat Tische und Bänke, eine Feuerstelle, an der gehacktes Holz bereitgestellt wird.
Die Seen der Rocky Mountains laden zum Träumen und Verweilen ein
5. Tag 24.05.2004 +++ 170km +++ Jasper - Berland River
Als ich am Morgen aufwache ist mein Zelt nach einem nächtlichen Schauer von einer Eisschicht überzogen. Das Zusammenpacken wird zur Qual. Vor allem die Hände sind ganz klamm vor Kälte.
Weiter geht es bei strahlend blauem Himmel auf dem Yellowhead Highway. Die Fahrt ist ein wahrer Genuss. Ich passiere viele Seen in denen sich die schneeweißen Berge spiegeln und Kanadagänse ihre Jungen ausführen. Gleich neben der Straße erblicke ich auch immer wieder viele Wapitihirsche. Insgesamt zähle ich heute 21 Hirschkühe und 3 stattliche Hirsche dieser Gattung. Dazu bekomme ich viele Weißwedelhirsche, Dickhornschafe und Schneeziegen zu Gesicht.
In der Ortschaft Hinton decke ich mich noch mal richtig mit Vorräten ein, weil jetzt eine Strecke ansteht auf der es keine Versorgungsstelle gibt. Auf der Ostseite der Rocky Mountains windet sich der Bighorn Highway nach Norden. So weit das Auge reicht, sehe ich nur schneebedeckte Wälder. Hier oben wird es ganz still um mich herum, kein Lebenszeichen ist auszumachen. Ziellos verläuft die immer steiler werdende Straße mal nach rechts, mal nach links, ein ewiges auf und ab und dazu bläst mir der Wind ins Gesicht. Das Wetter weiß auch nicht was es will, mal nieselt es leicht oder die Sonne bringt mich ins Schwitzen. Als ich meinen Campingplatz erreiche muss ich feststellen, dass ich wieder alleine übernachten werde.
Die riesigen Trucks sind die wahren Könige der Highways
6. Tag 25.05.2004 +++ 235km +++ Berland River - Grand Prarie
Bei strahlendem Sonnenschein schwinge ich mich auf mein Fahrrad. Die Rocky Mountains bäumen sich noch mal im Westen auf und werden aber in Richtung Norden immer kleiner. Am Himmel bahnt sich etwas an, starke Windböhen künden Regen an. Nun bläst er so stark dass ich kaum noch vorwärts komme und es beginnt zu regnen. Ich komme an einem Trupp Straßenarbeiter vorbei, die allen Ernstes versuchen die unzähligen Risse in der Straße, die der Frost hinter lassen hat, auszubessern. In Kanada ist das ein hoffnungsloses Unterfangen. Wenige Kilometer später kehrt sogar ein Mann mit einem Besen kleine Steinchen vom Highway.
Die Kilometer bis zum nächsten Ort ziehen sich in die Länge. Im Ort schaue ich mir ein Museum über die Region an und fülle meine Vorräte wieder auf. Bis zum nächsten Ort sind es beängstigende 182 km. Als der Regen abklingt verlasse ich die Stadt. Der Big Horn Highway ändert sich nicht, es geht eigentlich nur auf und ab. Der starke Wind, den ich jetzt zum Teil von hinten abbekomme, bringt die beeindruckensten Wolkenformationen zu Tage. Gegen Abend durchflutet die Sonne die grünen Wälder die sich bis zum Horizont erstrecken. Mit 235 km war das bisher die längste Etappe der Tour. Für mich war die Fahrt durch die Rocky Mountains im Vergleich zum Big Horn Highway ein Kinderspiel.
Der Bighorn Highway verläuft durch Endlose Wälder
7. Tag 26.05.2004 +++ 162km +++ Grand Prarie - Dawson Creek
Am Morgen versorge ich mich in der Stadt Grande Prärie mit Lebensmitteln. Eigentlich steht heute eine leichte Etappe durch die Wildnis an. Eigentlich! Da sich dem Wind nun kein Hindernis mehr in den Weg stellt, bläst er in der Region mit immenser Stärke gegen mich. In den ersten beiden Stunden schaffe ich nur läppische 26 km. Frustriert setzte ich mich sprichwörtlich in die Prärie, stelle mein Radio laut und bereite mir ein warmes Essen zu. Dabei schaue ich den Trucks nach, die am Horizont verschwinden. Irgendwann schwinge ich mich doch wieder auf mein Rad.
Langsam wird der Wind schwächer und kommt nun von der Seite. Bis auf den Wind und den kurzen Regen habe ich in den letzten beiden Tagen, bei 20 Grad traumhaftes Wetter zum Rad fahren. Kurz vor Dawson Creek passiere ich die Grenze zu British Columbia, wobei ich auch die erste Zeitzone erreicht habe. In Dawson Creek werde ich den ersten Ruhetag verbringen. Bei meinen ersten ereignisreichen Etappen habe ich bisher 1.052 Kilometer zurückgelegt.
Grand Prarie ist erreicht