Tagebuch Teil 2


8. Tag 27.05.2004 +++ Dawson Creek +++ Ruhetag


Heute an meinem ersten Ruhetag schaue ich mir ein Museum an, welches über den Bau des Alaska Highway informiert. In Dawson Creek befindet sich die „Mile 0“ des 1422 Meilen (2288 Kilometer) langen Alaska Highways, den ich größtenteils auf meiner Fahrt nach Norden benutzen werde. Binnen acht Monaten schlugen 11.000 Soldaten und 16.000 zivile Bauarbeiter einen Fahrweg durch die Wildnis. 1948 wird die Straße als Alaska Highway für den zivilen Fahrzeugverkehr freigegeben.


9. Tag 28.05.2004 +++ 228km +++ Dawson Creek - Pink Mountain

Am nächsten Morgen starte ich bei strahlendem Sonnenschein den neuen Streckenabschnitt auf dem Alcan. Mir kommt ein einzelner Radfahrer entgegen der nach einer großen Reise aussieht. Es ist ein junger Japaner der in Anchorage in Alaska gestartet ist und bis nach Südamerika fahren möchte. Er hat eineinhalb Jahre für diese Radtour eingeplant. Von ihm bekomme ich auch einige Infos zur Strecke und er erzählt mir auch das ich der erste Radfahrer bin der ihm auf seiner großen Reise begegnet ist. Wahrscheinlich bin ich der erste Radler, der in diesem Jahr nach Alaska unterwegs ist. Wir tauschen Adressen aus und dann fährt wieder jeder für sich in die Einsamkeit hinaus.
Info im Internet: http://my-charider.hp.infoseek.co.jp/index.htm

Bis zu der Stadt Fort St. John durchradele ich noch Präriegelände. Schon 1794 entstand in Fort St. John ein Pelzhandelposten der Nord West Company und damit eine der ersten von weißen gegründeten Siedlungen auf dem Gebiet des späteren British Columbia. In den 50er-Jahren machte die Entdeckung von Gas- und Erdölvorkommen aus der Siedlung eine Kleinstadt. Nun sind es 374 km bis nach Fort Nelson der nächsten Stadt. Die Straße ist gut ausgebaut und hat auch zwei große Seitenstreifen, die sich perfekt als Radweg eignen. Unterwegs gibt es ein paar Häuseransammlungen wie Tankstelle, Restaurant und Campingplatz in einem. Auf so einem abgelegenen Campingplatz übernachte ich diese Nacht.


Der junge Japaner möchte bis Südamerika mit dem Fahrrad fahren
Der junge Japaner möchte bis Südamerika mit dem Fahrrad fahren

10. Tag 29.05.2004 +++ 226km +++ Pink Mountain - Ford Nelson

Am nächsten Morgen, kaum bin ich ein paar Kilometer gefahren, sehe ich den ersten Elch auf dieser Tour. Er befindet sich am Waldrand ca. 100 Meter von mir entfernt. Also schnell Foto ausgepackt und auf die Pirsch. Sehr weit komme ich aber nicht, weil das Gebiet sehr sumpfig ist. Gleich wenige Kilometer weiter entdecke ich gleich den nächsten stattlichen Elch. Es ist eine Elchkuh mit einem winzigen Kalb das kaum stehen kann. Dieses Mal trennen uns nur 30 Meter und jede meiner Bewegungen wird genauestens verfolgt. Als die Elchkuh mir deutliche Zeichen der Drohung zeigt, ist mir klar, dass es Zeit ist weiter zu fahren. Auf den nächsten Kilometern beobachte ich noch weitere dieser Riesen des Waldes. Insgesamt zähle ich an diesem Morgen 9 Elche.

Der Elch ist die größte Hirschart und kann eine Schulterhöhe von bis zu 2,40 m erreichen. Er trägt das größte Geweih das über 2 m breit, bis zu 50 kg schwer werden kann und oft mehr als 40 Enden hat. Trotz seines bis zu 800 kg schweren Gewichts bewegt sich der erwachsene Riesenhirsch mit bis zu 55 km/h durch die Wälder. Während der Brunftzeit sind Elchbullen durch die erhöhten Hormonwerte recht aggressiv. In dieser Zeit greifen sie zuweilen Menschen, Pferde, Autos und sogar Züge an. Bei der Weiterfahrt winkt mir ein Rentnerehepaar zu, dass ich zu ihrem Camper kommen soll. Es stellt sich heraus, dass sie aus Hamburg kommen. Sie haben mich jetzt schon dreimal auf dem Highway überholt und laden mich zu Tee und einem Imbiss ein.

Den ganzen Tag macht das Radfahren richtig Spaß. Ich habe wieder schönes Wetter und vor allem einen guten Rückenwind, der mich nach Fort Nelson hinein bläst. Wie schon die ganze Zeit auf dem Highway winken mir ständig irgendwelche Leute freundlich zu, oder zeigen mit dem Daumen nach oben. Auch auf dem Campingplatz ist es wie jeden Abend das gleiche Spiel. Woher ich komme, wohin ich reise und wie viele Kilometer ich gefahren bin. Oft werden die Infos den ganzen Abend weitergegeben und so werden aus meinen Tageskilometern schnell Meilen. Oder die Leute erzählen mir, dass sie oder Familienmitglieder aus Deutschland ausgewandert sind.


Ein Elch direkt am Highway (An diesem Morgen habe ich 9 Elche zu Gesicht bekommen)
Ein Elch direkt am Highway (An diesem Morgen habe ich 9 Elche zu Gesicht bekommen)

11. Tag 30.05.2004 +++ 200km +++ Ford Nelson - Toad River

Die nächste Etappe führt mich heute über den einzigen Pass des Highways, dem 1.267 m hohen Sunmit Pass. Es geht durch denn Gebirgszug der Nord Rocky Mountains, die eine Höhe von bis zu 3000 m erreichen. Vor mir erblicke ich etwas schwarzes das sich langsam vorwärts bewegt. Keine 10 Meter neben mir läuft ein Schwarzbär die Böschung entlang. Es ist ein recht kleiner Bär und er zeigt sich unbeeindruckt, deshalb mache ich auch ein paar Fotos von ihm. Kurz danach kommt eine Auto mit Japanern vorbei, sie machen ihre Fotos und werfen dem Bären etwas zu fressen hin. Das Füttern von Wildtieren vor allen von Bären ist strengstens verboten. Die Tiere gewöhnen sich daran, dass sie von Menschen Futter bekommen und so können so bei der nächsten Begegnung zu einer Bedrohung werden.

Während ich mich dem Pass nähere, wird der Himmel bedrohlich dunkel und es fängt an zu donnern. Darauf folgt ein kurzer Schauer, dann ist der Spuk schon vorbei. Kurz vor der Passhöhe fängt es doch wieder an zu regnen und dieses Mal richtig stark. Sofort fällt die Temperatur um einige Grade und so schnell wie möglich stürze ich mich in die Abfahrt. Nachdem ich rund 2 Stunden im Regen gefahren bin erreiche ich endlich einen Campingplatz und die herbeigesehnte Dusche.


Auf den Highways haben Bären stets Vorrang, hier ein junger Schwarzbär
Auf den Highways haben Bären stets Vorrang, hier ein junger Schwarzbär

12. Tag 31.05.2004 +++ 176km +++ Toad River - Coal River

Auf dem Campingplatz befinden sich noch andere Radfahrer. Dan und Claire die neben mir ihr Zelt aufgeschlagen haben wollen von Vancouver hoch nach Valdez fahren. Ein Junge aus Fairbanks in Alaska zieht es Richtung Süden nach Montana in die Staaten. Dan erzählt mir, dass heute Morgen direkt neben meinem Zelt ein Elch herum gelaufen sei. Tatsächlich entdecke ich ihn im schönen See nebenan Wasserpflanzen abweiden.

Auf den ersten Kilometern des Tages sehe ich das erste Karibu an der Straße. Es läuft in Richtung Toad River. Jetzt denke ich sitzt es in der Falle, aber auf der anderen Seite stehen zwei weitere Karibus und scheinen auf den Nachzügler zu warten. Dann stürzt sich das Karibu plötzlich in denn reisenden Strom und weg ist es. Besorgte Blicke von den anderen Karibus, doch auf einmal taucht es auf sicherem Grund wieder auf. Ich fahre am jadegrünen Mucho Lake entlang und erreiche den mächtigen Liard River der hier schon gut 200 m breit ist.

Die Straße verläuft am Fluss entlang und bietet immer wieder gewaltige Ausblicke auf die Stromschnellen des Flusses. Keine 5 Meter neben der Straße steht auf einmal ein mächtiger Bisonbulle. Ich bekomme Herzklopfen bei diesem Anblick. Meine Fotos mache ich dieses Mal lieber aus sicherer Entfernung. Der Campingplatz den ich später erreiche ist auch nicht gerade die erste Wahl. Ich bin mir sicher, dass ich in diesem Jahr der erste bin, der die Dusche benutzt. Mit gemischten Gefühlen lege ich mich schlafen, denn keine 3 km entfernt habe ich an der Straße einen Schwarzbären gesehen.


Der Muncho Lake ist in den Bergen der Northern Rocky Mountains eingebettet
Der Muncho Lake ist in den Bergen der Northern Rocky Mountains eingebettet

13. Tag 01.06.2004 +++ 160km +++ Coal River - Watson Lake

Der nächste Tag beginnt wieder mit Sonnenschein. Dann ist es soweit, zwei am Straßenrand parkende Fahrzeuge künden wieder Wildtiere an. Ich erblicke eine große Grizzlydame mit ihren zwei kleinen Jungen. Als sie mich sehen flüchten sie gleich in den Wald. Verkehrte Welt denke ich mir, eigentlich sollte ich das Weite suchen. Die Autofahrer erzählen mir, dass die Bären schon eine Weile hier sind und sich weder von den Autos noch durch die großen Trucks aufschrecken lassen. Im gleichen Moment sehe ich von Norden einen Radfahrer heran fahren. Er kommt aus Alaska und will bis Herbst an die Ostküste Kanadas radeln. Langsam kommen die Bären wieder aus dem Wald und ich habe noch Gelegenheit schöne Fotos zu knipsen. Ganz verspiel tollen die zwei kleinen den Hang rauf und runter. Aber auch diese Schrecken des Nordens fressen friedlich Gras wie eine Kuh.

Dann erreiche ich das Yukon Territorium und die Stadt Watson Lake. Hier im Ort befindet sich der weltberühmte Signpost Forrest. Über 40.000 Schilder aus aller Welt vom Autokennzeichen bis zu Ortsschildern wurden hier von Reisenden auf dem Alaska Highway zurückgelassen. Angefangen hat alles im Jahr 1942, als ein Heimwehgeplagter G.I. ein Schild mit Entfernung zu seinem Heimatort an einem Baum nagelte. Es blieb nicht lange allein und seit der Highway befahren wird, wächst die Sammlung unaufhörlich.

Als ich das Visitor Center betrete um Infos zur bevorstehenden Strecke einzuholen, hat sich der Himmel bedrohlich zugezogen. Als ich das Center wieder verlasse gießt es in Strömen, aber es sind ja nur 4 km bis zum nächsten Campingplatz hat man mir versichert. Die 4 km sind auch schnell abgespult, dann erreiche ich einen Weg der in den Wald führt und hoffentlich zu meinem Platz. Es ist eine einzige Schlammpiste und das es von hier aus noch mal 5 km bis zum eigentlichen Schlafplatz sind davon war nicht die Rede. Frustriert baue ich mein Zelt unter einem Baum auf.


Schwarzbären ernähren sich überwiegend von Pflanzen
Schwarzbären ernähren sich überwiegend von Pflanzen

14. Tag 02.06.2004 +++ 184km +++ Watson Lake - Swan Lake

Als ich am nächsten Morgen aus dem Zelt krieche herrscht wieder strahlender Sonnenschein. Die heutige Etappe führt nach Westen durch die rund 2000 Meter hohen Cassiar Mountains. Aber nicht die ständigen Steigungen sind mein Problem, sondern der stürmische Wind bringt mich zum verzweifeln. Wieder komme ich nur mühselig voran. Nur mit eisernem Willen kann ich die Etappe bewältigen.

Am Abend erreiche ich einen traumhaft schönen Campingplatz am Swan Lake. Der See ist umgeben von Nadelwald und den Bergen der Cassiar Mountains. Der Platz ist eigentlich ein Holzfällerlager. Nebenbei bieten sie auch ein paar Plätze zum Zelten an. Mein Zelt baue ich natürlich direkt am See auf. Als das Wasser für mein Abendessen über dem Feuer kocht ist der miese Wind des Tages vergessen.


Im Yukon Territory geht meine Fahrt an schönen Seen entlang
Im Yukon Territory geht meine Fahrt an schönen Seen entlang

15. Tag 03.06.2004 +++ 265km +++ Swan Lake - Whitehorse

Am Morgen ist wieder kein Wölkchen am Himmel auszumachen. Ich schieße noch einige Aufnahmen von der Morgenstimmung am See und dann geht es los in den schönen Tag hinaus. Kurz vor dem Teslin Lake erreiche ich einen kleinen Stau. Mir wird gesagt, dass es da kein Durchkommen gibt und wir alle 45 Minuten warten müssen. Dann endlich kommt das Pilot Car und wir laden mein Fahrrad auf und weiter geht es. In Teslin wird gerade der Alcan neu geteert. Nach ca. einem Kilometer soll ich mein Fahrrad wieder abladen. Das lange Warten ist also völlig umsonst gewesen.

Die nächsten 10 km der Straße sind der reinste Horror. Hoher Schotter macht mir hier mit dem schwer beladenen Tourenrad das Leben schwer. Ich habe zu kämpfen, damit ich nicht stürze. Endlich ist die Stelle überwunden und ich kann das Radfahren wieder voll auskosten. Ich radele nun an den großen Seen Teslin Lake und Marsh Lake entlang. Die Abendsonne glitzert im See und die Landschaft hier oben im Yukon Territorium erinnert mich stark an die Fjorde Norwegens. Dann rolle ich in Whitehorse der Hauptstadt des Yukons ein, wo ich nach nun 2500 km meinen nächsten Ruhetag verbringen werde.


Das riesige Yukon Territory ist Natur pur, hier Leben nur 30.000 Menschen
Das riesige Yukon Territory ist Natur pur, hier Leben nur 30.000 Menschen


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