Tagebuch Teil 3


16. Tag 04.06.2004 +++ Whitehorse +++ Ruhetag

In Whitehorse der Hauptstadt des Yukon Territoriums wird seit dem 25. Februar 1984 die neue Prägung des „Yukon Quest“ gestartet. Er gilt als das härteste Schlittenhunderennen der Welt. Die Musher, so heißen die Lenker der aus 12 bis 16 Hunden bestehenden Gespanne, bewältigen die Strecke von 1600 km in 10 bis 12 Tagen. Das kanadisch-amerikanische Rennen führt bei Temperaturen von bis zu -50 °C durch Eis- und Schneewüsten nach Fairbanks. Die Wurzeln des Rennens reichen bis in das 19. Jh. zurück. Damals diente der zugefrorene Yukon River den Goldgräbern als Verkehrsweg auf dem die Post per Hundeschlitten transportiert wurde.

Whitehorse entstand um 1900, mit der Fertigstellung der Eisenbahnlinie von Skagway am Pazifik über die Küstenberge bis Whitehorse. Hier wurden Passagiere und Fracht für das 300 Meilen stromabwärts gelegene Dawson City auf die Raddampfer umgeladen. Bis zum Bau des Alaska Highway war der Fluss der Hauptverkehrsweg der Region. Heute leben 20.000 Einwohner in der Stadt. Das sind zwei Drittel der Bevölkerung des 1.700.000 km² großen Yukon Territoriums.

Wahrzeichen der Stadt ist der geadelte Raddampfer „SS Klondike“, einst das größte und schönste Schiff auf dem Fluss. Auf dem 3.185 km langen Yukon River verkehrten 90 Jahre lang Raddampfer, die die Besiedelung und Versorgung des Nordens erst möglich machten.

In Whitehorse schaue ich mir das sehr informative Yukon Beringia Museum an. Als während der letzten Eiszeit ein großer Teil der Wassermassen als Eis gebunden war, war der Meeresspiegel aller Ozeane und Nebenmeere zeitweise um 125 Meter niedriger als heute. Dies hatte zur Folge, dass eine Landbrücke zwischen Sibirien und Alaska bestand. Diesen einstigen urzeitlichen „vergessenen“ Subkontinent nennt man Beringia. Diese Landbrücke war höchstwahrscheinlich das „Tor zur Neuen Welt“. Über Beringia wurde der letzte Kontinent von Menschen besiedelt. Das Museum informiert über die Lebensweiße der Menschen der Eiszeit. Nebenbei kann man im Museum Nachbildungen längst ausgestorbenen Tierarten betrachten.

Vor 10 Tagen habe ich auf einem Campingplatz einen netten Mann kennen gelernt der aus Whitehorse stammt und hat mich zu sich nach Hause eingeladen. Dummerweise habe ich den Zettel mit seiner Telefonnummer verloren. Doch wen treffe ich vor dem Supermarkt, natürlich seine Frau. Als hätte ich es nicht geahnt. Auf dem Campingplatz lerne ich auch zwei deutsche Touristen kennen, die jeder für sich mit dem Kajak den Yukon River bis nach Alaska runter fahren wollen. Mit ihnen unterhalte ich mich bis spät in die Nacht.


Ein Wasserflugzeug im Yukon River
Ein Wasserflugzeug im Yukon River

17. Tag 05.06.2004 +++ 192km +++ Whitehorse - Carmarks

Gut ausgeruht geht es für mich am nächsten Morgen nun auf dem Klondike Highway weiter. Wenige Kilometer außerhalb der Stadt mache ich Bekanntschaft mit dem Sheriff. Nachdem ich einen Apfel gegessen habe werfe ich den Rest in den Straßengraben und denke mir nichts dabei. Auf einmal überholt mich ein Polizeiauto mit Blaulicht. Der Sheriff steigt aus, ich mache ihm klar, dass es nur ein Stück Apfel war, aber er bleibt stur. Ich gebe mich reumütig und suche den Apfel. Dann sieht er ein, dass es keinen Sinn hat und ermahnt mich nur. Auf das wegwerfen von Müll ist hier eine Strafe von 500 Dollar angesetzt, aber ein Stück Apfel… ich weiß ja nicht.

Langsam ändert sich die Landschaft und ich durchfahre nun Hügelland. Ich komme an einem 50 Kilometer langen Stück vorbei, das 1998 von einem Waldbrand heimgesucht wurde. Ganz sind die Bäume aber damals nicht abgebrannt. Einzelne Baumstammgerippe stehen noch an den Hängen und am Boden wächst schon die nächste Generation an Bäumen nach. Am Abend baue ich mein Zelt in der kleinen Indianersiedlung Carmacks direkt am Yukon River auf.


Ein Kurznasier Riesenbär im Yukon Beringia Museum
Ein Kurznasier Riesenbär im Yukon Beringia Museum

18. Tag 06.06.2004 +++ 177km +++ Carmarks - Steward Crossing

Beim Zusammenpacken kann ich einen wunderschönen Sonnenaufgang am Fluss betrachten, aber hier bekomme ich es auch mit dem schlimmsten Raubtier des Nordens zu tun, mit den Moskitos. Morgens und abends schwirren sie in großer Zahl um mich herum, so dass manchmal nur das Zelt oder das Fahrrad Abhilfe schaffen.

Nach wenigen gefahrenen Kilometern komme ich an den berüchtigten Five Finger Rapids vorüber, wo Felsinseln den Yukon River in fünf enge Kanäle zwängen. Die acht bis zehn Knoten schnelle Strömung mit ihren Strudeln war für die Raddampfer ein fast unüberwindliches Hindernis: Um die Engstelle passieren zu können, mussten sich die Dampfer mit Hilfe ihrer Ankerwinden an langen, oberhalb der Inseln befestigten Seilen durch die Stromschnellen flussaufwärts ziehen.

Den Highway habe ich nahezu für mich alleine. Überall blüht nun der Norden auf, verschiedene Blumenarten zieren hier den Straßenrand. Am Mittag habe ich richtig Probleme mit der Sonne die nun gnadenlos herunterbrennt. Die Temperaturen steigen heute auf 25 Grad. Am Abend auf dem Campingplatz frage ich, ob diese Hitze um diese Jahreszeit denn normal sei und bekomme nur die Antwort: „Was ist schon normal hier?“


Die Five Finger Rapids Stromschnellen des Yukon Rivers
Die Five Finger Rapids Stromschnellen des Yukon Rivers

19. Tag 07.06.2004 +++ 183km +++ Steward Crossing - Dawson City

Auch am dritten Tag auf dem Klondike Highway radle ich durch die eindrucksvolle Yukonlandschaft. Es geht durch unbewohntes Land, an großen Seen und Flüssen entlang. Kurz vor Dawson City habe ich den Klondike River erreicht. Ich fahre auch an der Kreuzung zum Dempster Highway vorbei, der über 730 Kilometer fast bis hoch an die Beaufort See und damit an den Arktischen Ozean führt. Er ist die einzige Straße in Kanada die über den Polarkreis hinaus führt. In dieser Gegend wandert auch die 180.000 Tiere zählende „Porcupine Caribou herd“ umher. Gerne wäre ich noch bis zu den Inuit hochgefahren aber meine Zeit reicht dafür leider nicht.

Dann ist Dawson City erreicht. Im August des Jahres 1896 wurde am Bonanza Creek, einem Seitenbach des Klondike Rivers hochreines Gold gefunden. Doch es dauerte noch fast ein Jahr, bis die Nachricht vom größten Goldfund aller Zeiten San Francisco erreichte. Über 100.000 Glücksritter folgten damals dem Lockruf des Goldes, mit der Hoffnung nach schnellem Reichtum auf den Weg in den hohen Norden. Die meisten überquerten im Winter 1897/1898 den Chilkoot Pass, aber nur rund 35 Prozent erreichten die Klondike Goldfields, um festzustellen das die besten „Claims“ schon vergeben waren. Einer von ihnen war der Schriftsteller Jack London, der später in seinen Bestsellern das raue Leben des Nordens meisterhaft niederschrieb.

Dawson City, das auf einer Elchweide gegründet wurde, wuchs im Jahre 1898 auf über 30.000 Einwohner. Allein 1900 betrug die Ausbeute an Waschgold aus den Bächen des Yukon Territory fast 34.000 kg Gold. Um 1940 war Dawson nur noch ein Dorf mit weniger als 1000 Einwohnern, danach wurde der Ort für den Tourismus wieder im alten Stil des Goldrausches hergerichtet. Nach eine Fährfahrt über den nun zu einem mächtigen Strom angeschwollenen Yukon River finde ich direkt am Fluss einen schönen Campingplatz. Hier bewährt sich gleich das Moskitomittel das ich in Dawson City gekauft habe, somit ist das Problem auch gelöst.


Riesige Wildflüsse durchziehen die Landschaft des Nordens, hier der Mayo River
Riesige Wildflüsse durchziehen die Landschaft des Nordens, hier der Mayo River

20. Tag 08.06.2004 +++ 152km +++ Dawson City - Walker Fork River

Zeitig starte ich heute auf dem Top of the World Highway. Gleich von Beginn an steigt die Straße steil an und windet sich von einem Bergrücken zum anderen. Von der Strasse aus habe ich eine super Fernsicht. Die Landschaft die ich zu Gesicht bekomme scheint seit Urzeiten unverändert. Außer der Straße gibt es nichts das auf Menschen hindeutet. Die Straße hat aber einen Hacken, rund 50 km bis zur Grenze sind geschottert. Wie schon unterwegs auf den vielen Baustellen gibt es hier kaum ein Vorankommen.

Als ich an einem Steilstück kräftig in die Pedale treten muss um überhaupt hoch zu kommen, reißt mir auch noch die Fahrradkette. Zum Glück habe ich einige Ersatzteile dabei und so ist der Schaden schnell behoben. Habe ich eine Bergkuppe erreicht und freue mich auf die erlösende Abfahrt muss ich meistens feststellen, dass es nach der kleinen Abfahrt noch mal auf eine noch höhere Kuppe geht. Manchmal kann ich auch schon die Straße am Horizont sehen und weiß da vorne fahre ich in ein paar Stunden.

Als ich endlich am höchsten Punkt angelangt bin, bekomme ich es mit stürmischem Seitenwind zu tun, der mich fast mitsamt dem schwer beladenen Fahrrad umwirft. Dann ist es endlich so weit, ich habe die Grenze zu Alaska erreicht. Schon seit Tagen fiebere ich diesem Moment entgegen.

Alaska ist der 49ste Bundesstaat der USA und ist mit 550.000 Einwohnern auf einer Fläche von 1.477.267 km² (das entspricht der vierfachen Größe Deutschlands) sehr dünn besiedelt. Die Ureinwohner nannten ihr Land „Great Land“. Gletscher kalben blauweiße Eisberge ins schwarze Wasser der Fjorde, die höchsten Berge des Kontinents türmen sich hier auf und weglose dunkelgrüne Wälder stehen schweigend, so weit man sehen kann. Donnernde Wasserfälle zeugen von der Kraft ungezähmter Flüsse, einsame Seen, gesäumt von den roten Blüten des Fireweed, spiegeln sich im Blau des Himmels, und karge Tundra-Ebenen dehnen sich bis zum grenzenlosen Horizont. Hier findet man eine der wenigen Landschaften die der Mensch noch nicht verändert hat und die von einer vielfältigen und artenreichen Tierwelt bevölkert ist. Alaskas Wildnis hat 3 Millionen Seen, 100.000 Geltscher und 3.000 Flüsse zu bieten. Also nichts wie hineinfahren in das Wunderland.

Nach den Grenzformalitäten beginnt endlich die richtige Abfahrt, aber auch die Alaskaseite der Straße ist nur geschottert. Es geht ein Tal hinunter bis zu einem Campingplatz an einem kleinen Fluss. Irgendwie bekomme ich beim Anblick des Flusses richtig Lust auch mal Gold zu schürfen. Hätte ich jetzt die richtige Ausrüstung dafür, ich würde es hier einmal ausprobieren. Das es hier Gold gibt steht außer frage, weiter oben wird noch wirtschaftlich Gold geschürft.


Alaska „das große Land“ ist erreicht
Alaska „das große Land“ ist erreicht

21. Tag 09.06.2004 +++ 155km +++ Walker Fork River - Tok

Auch heute stehen noch mal 60 km Schotterpiste auf dem Programm. Der Taylor Highway, so heißt der größere Feldweg auf der amerikanischen Seite ist ein ewiges auf und ab, dabei geht es meistens über die höchsten Berge die in Sicht sind. Ich durchradle den lustigen Ort Chicken der einst auch ein mit Gold gesegneten Boden hatte. Dann endlich habe ich die asphaltierte Straße erreicht, aber richtig Freude kommt nicht auf, die nächste Wand baut sich schon vor mir auf.

Langsam neigen sich meine Vorräte dem Ende zu. In Dawson City hatte ich das Fahrrad noch mal richtig voll gepackt, jetzt ist alles schon wieder weggefuttert. Der Kalorienverbrauch auf den Etappen hier ist enorm. Da es die nächsten Meilen keine Stelle gibt um Lebensmittel einzukaufen bleibt mir nur die Zeit auszuhungern. Mein Magen ist so leer wie die klappernden Coladosen in meinem Packsack. Jede Meile steht nun auch noch ein Schild wie weit es noch bis zum Alcan ist.

Auf einmal raschelt es neben mir im Gebüsch und ich sehe nur noch wie ein großer Schwarzbär in den nahen Wald spurtet, es waren keine 8 Meter die uns von einander trennten. Für denn Fall, dass er angegriffen hätte, hätte ich so schnell wie das alles vonstatten ging keine Zeit gehabt mein Bärenspray aus der Lenkertasche heraus zu holen. Die letzten Tage habe ich überhaupt keine größeren Tiere mehr gesehen, ich nehme an das sie sich wegen der Hitze in die Wälder oder in die Berge zurückgezogen haben.

Dann hat der Alaska Highway mich wieder und eine Stunde später rolle ich in der Stadt Tok ein. Hier fülle ich erst einmal meine Vorräte auf, hole Infos über die bevorstehenden Gebiete Alaska ein und suche mir einen Campingplatz für die Nacht aus.


Ein See am Alaska Highway
Ein See am Alaska Highway

22. Tag 10.06.2004 +++ 192km +++ Tok - Big Delta

Die heutige Etappe führt an der Alaska Range entlang, den großen Gebirgszug der im Herzen des Landes liegt. Immer wieder überquere ich große Ströme die aus dem Gebirge kommen. In einem Flussbett das ich passiere, liegen noch riesige Eisschollen die vom letzten Winter zeugen.

Wie schon die letzten Tage habe ich super Wetter bei Temperaturen um die 25 Grad. An einer Stelle geht der Highway 60 Kilometer am Stück immer nur gerade aus, und die Straße weist zum ersten Mal auf der ganzen Radtour keine nennenswerten Steigungen auf. Gegen Abend bannt sich eine riesige Gewitterfront hinter mir auf. Gerade noch rechtzeitig erreiche ich meinen Campingplatz, dort baue ich eilig das Zelt auf und als das Wasser für das Abendessen kocht fängt es auch schon an zu regnen. Das war perfektes Timing.


Unterwegs auf den endlosen Highways in Alaska
Unterwegs auf den endlosen Highways in Alaska

23. Tag 11.06.2004 +++ 143km +++ Big Delta - Fairbanks

Bei stark bewölktem Himmel starte ich heute in die neue Etappe. Kurz nach Big Delta treffe ich zum ersten Mal auf die Trans Alaska Pipeline. Der Bau der 1280 Kilometer langen Pipeline dauerte rund 2 Jahre und gilt als technische Meisterleistung. Insgesamt waren 70.000 Personen an dem 1977 fertig gestellten Projekt beteiligt. 78.000 Pfeiler stützen die Pipeline in die Höhe, damit im Winter das flüssige Öl nicht den Boden unter der Leitung auftaut und die Pipeline versinkt. Die Rohrleitung überquert 13 Flüsse und drei Gebirge. Täglich verlassen am Polarmeer 1,8 Millionen Barrel Rohöl die erste Pumpstation, um nach einer Reise von sechs Tagen den Hafen von Valdez zu erreichen. Die Kosten für den Bau der Rohrleitung und der Terminals belief sich auf 8 Billionen US-Dollar!

Landschaftlich hat der Tag nicht so viel zu bieten. Kurz vor Fairbanks führt die Straße genau an der Rollbahn der Eielson Air Force Base vorbei. Von hier aus kann ich schön die startenden und landenden Kampfflugzeuge sehen. Es herrscht reger Betrieb auf dem Flugplatz, hier sind Flugzeuge vom Typ F14, F16, F18 und große Tankflugzeuge stationiert. Schon seit Jahren interessiere ich mich sehr für Flugzeuge deshalb stehe ich auch längere Zeit an der Rollbahn. Als immer mehr Flugzeuge landen, merke ich auch gleich den Grund dafür. Am Himmel braut sich über der Air Base ein schönes Gewitter zusammen. Da ich zuschaue bis auch die letzte Maschine am Boden ist erwischt mich das Gewitter gleich beim weiter fahren, doch nach rund 15 Minuten bin ich aus dem Regen heraus gefahren.

Jetzt nimmt der Verkehr stark zu und der Highway wird zweispurig. Dann habe ich Fairbanks erreicht. Die Stadt ist der nördlichste Punkt auf meiner Radreise durch Nordamerika, sie liegt nur rund 300 km südlich des Polarkreises.


Tankflugzeuge auf der Eielson Air Force Base
Tankflugzeuge auf der Eielson Air Force Base


Zurück zum Tagebuch Teil 2 Zurück zur Tagebuchübersicht Zurück zur Nordamerikatourseite. Weiter zum Tagebuch Teil 4