Tagebuch Teil 5

32. Tag 20.06.2004 +++ Whitter - Valdez +++ Ruhetag auf der Fähre

Um 7 Uhr ist bereits die Nacht für mich vorüber. Direkt neben meinem Zelt muss einer am Sonntagmorgen mit einem Bagger seiner Arbeit nachgehen. Aber anderer Seite gibt es hier sehr viel zu sehen also wie so auch länger schlafen. Gegen Mittag startet meine Fähre in Richtung Valdez. Bereits nach einigen gefahrenen Hundertmetern steuert der Kapitän auf einen Berg zu von dem einige Wasserfälle ins Meer stürzen. Davor befindet sich eine große Möwenkolonie. Einige Hundert Möwen um schwirren ein paar Kajakfahrer die dort herumpaddeln, oder sie schwimmen vor dem Bug des Schiffes und fliegen erst im letzten Moment davon. Wir bekommen auch der Ratschlag von der Crew dass wir mit den Fotofilmen sparsam umgehen sollen, weil wir noch einige auf der Fahrt brauchen.

Sanft gleitet die Aurora durch ruhige See, die Sonne strahlt vom blauen Himmel herab und irgendwie kann ich mir Alaska gar nicht bei schlechtem Wetter vorstellen. Das Schiff fährt auch direkt an eine mehrere hundert Tiere Seelöwen Kolonie vorbei. Gegen Abend kündigen kleine im Meer treibende Eisschollen den Höhepunkt der Fahrt durch den Prince William Sund an. Wir nähern uns langsam dem Columbia Gletscher der direkt ins Meer "kalbt". Alles versammelt sich am Bug des Schiffes, die Motoren werden abgestellt, keine Mensch wagt es noch etwas zu sagen. Alle sind total gefasst von der Stimmung. Eisberge schwimmen vor den über 4000 Meter hohen Bergen, und ich fühle mich schon ganz nahe an dem was ich irgendwann einmal sehen möchte, nämlich der Antarktis.

Dann passiert die Fähre das Bligh Reef, an dem am Karfreitag des Jahres 1989 der Öl Tanker „Exxon Valdez“ gesunken ist. Innerhalb von zwei Wochen hatten die ausgelaufenen 40 Millionen Liter Rohöl über 2.000 Kilometer Küstenlinie verschmutzt. Für den Ort war es schon die zweite Katastrophe, am Karfreitag 1964 löste ein Erdbeben eine „Tsunamiwelle“ aus die den Ort völlig zerstörte. Das heutige Valdez wurde an einem sicheren Platz, umrahmt von den fast senkrecht aufragenden Flanken das Chugach Mountains neu errichtet. Die Einwohner bezeichnen ihre Heimat auch gerne als „Alaskas Little Switzerland“. In Valdez ist auch die Endstation der Trans-Alaska Pipeline. Von hier aus fahren heute 70 große Tanker pro Monat zu den Raffinerien de Südens. Außerdem ist die Ortschaft in Alaska als Regenloch verschrien, im Winter fallen hier unter anderem sieben und mehr Meter Schnee.


Ein Anblick der an die letzte Eiszeit erinnert, der Columbia Gletscher kalbt in den Prince William Sund
Ein Anblick der an die letzte Eiszeit erinnert, der Columbia Gletscher kalbt in den Prince William Sund

33. Tag 21.06.2004 +++ 182km +++ Valdez - Liberty Falls

Über 14 Milliarden Barrel Öl wurden bisher in die großen Tanker gepumpt die gegenüber der Stadt anlegen. Amerika hat aber gar nicht so große Ölreserven wie man vielleicht annimmt. Zwar wurden in Nordalaska neue Ölfelder entdeckt, die liegen aber in Naturschutzgebieten. Durch den sinnlosen Irakkrieg haben sie sogar versucht an die großen Ölfelder des Landes zu kommen. Ich bekomme jeden Tag mit, wie verschwenderisch manche Nordamerikaner sind. Da werden Grosseinkäufe gemacht und das Auto läuft in der Zeit weiter, oder die Truckfahrer nehmen ihr Mittagessen zu sich und lassen den Lkw weiter laufen. Natürlich muss hier jeder ein riesiges Auto fahren, deren Spritverbrauch weit über dem in Europa liegt.

Kurz nach Valdez führt die Straße durch den Keystone Canyon, in dem von den Bergen wunderschöne Wasserfälle zu Tal stürzen. Glücklicherweise sind auf dem Richardson Highway fast keine Autos unterwegs so dass ich den Tag richtig genießen kann. Dann geht es über den 892 m hohen Thompson Pass, von dem ich gesagt bekommen habe, dass ich mein Rad hoch schieben werde. Ganz so schlimm ist es zum Glück nicht. Am späten Nachmittag biege ich vom Highway ab und steuere den Wrangell St. Elias National Park an, den ich eigentlich nicht in der Tourplanung hatte. Im Park befinden sich einige große Vulkane von denen der 4317 m hohe Mount Wrangell der höchste noch aktive Vulkan Alaska ist. Daneben stehen einige erloschene Vulkane die um die 5000 m hoch sind.


Momente zum Träumen, die Berge der Chugagh Mountains bei Valdez
Momente zum Träumen, die Berge der Chugagh Mountains bei Valdez

34. Tag 22.06.2004 +++ 160km +++ Liberty Falls - Gakona

Am Morgen ist es total still da sich kaum ein Auto hierher verirrt. Ich fahre noch bis zum Indianerdorf Chitina, das am Copper River liegt. An dem großen Fluss streiten sich einige Fischer mit den Möwen und den Weißkopfseeadlern um den besten Fisch. Im Fluss stehen sogar einige Automatische Fischfang Maschinen, die ohne zutun eines Arbeiters von alleine die Fische in einen Behälter befördern. Am Ende der Straße liegt eine Geisterstadt und eine alter Kupfermine, aber leider reicht meine Zeit nicht ganz aus um ganz hinter zu fahren. Auch als ich zurück auf dem Highway bin kann ich schön die schneeweißen Vulkane sehen.


Der Chena River bei Chitina am Rande des Wrangell- St. Elias National Parks
Der Chena River bei Chitina am Rande des Wrangell- St. Elias National Parks

35. Tag 23.06.2004 +++ 168km +++ Gakona - Eagle Trail

Als ich gerade in einen kleinen Laden neue Nahrung einkaufe erzählt gerade ein alter Buschflieger seine Geschichten über seine tollkühnen Flugkünste bei den Löscharbeiten der Waldbrände. Fast jeder Ort hat seinen eigenen Flugplatz, oder in einem ortsnahem See befinden sich einige Wasserflugzeuge. Jeder 20ste im Lande hat einen Flugschein, und sehr viele Orte sind nur mit dem Flugzug zu erreichen. Da wird schon mal mit dem Flugzeug zum einkaufen geflogen. Auf einem Parkplatz fragt mich eine alte Frau, ob der Berg vor uns der Mount McKinley ist. Ich teile der Frau mit, dass das leider nur der 4871 Meter hohe Mount Sanford ist, der höchste Berg im Lande befindet noch gut 600 Kilometer weiter im Westen. Eigentlich müsste sie ja wissen wo der Berg zu finden ist, weil sie sagt dass sie schon sechsmal in Alaska waren und den Berg noch nie gesehen haben. Andere Leute sind halt einmal hier und sehen den berg an sechs Tagen.

Auf einem Rastplatz treffe ich eine 35 jährige Französin die in Anchorage gestartet ist und bis Seattle hinunter fahren möchte. Dann will sie nach Tokio fliegen und eine Weile Japan bereisen. Außerdem stehen noch über 10-15 Länder in Asien auf ihrem Programm. Sie will nach 15 Monaten in Paris zurück sein. Da wir in dieselbe Richtung fahren, radeln wir zusammen in den Abend hinein. Eigentlich wollte ich noch bis in die nächste Stadt fahren und dort Einkaufen, aber so habe ich nichts mehr zu Essen. Aber Helene hat genug Lebensmittel dabei, so werde ich am Abend bestens bekocht.


Der Richardson Highway führt an einigen 5000 Meter hohen Vulkanen entlang
Der Richardson Highway führt an einigen 5000 Meter hohen Vulkanen entlang

36. Tag 24.06.2004 +++ 108km +++ Eagle Trail - Northway Junction

Gemeinsam fahren wir in die Stadt Tok die ich ja schon vor einiger Zeit bereist habe. Ich bin jetzt einen sehr schönen Kreis durch Alaska gefahren. Ab jetzt geht es für mich immer Kurs Süd-Ost zurück nach Calgary. Als wir an einem Supermarkt halt machen sehen wir den nächsten Radreisenden in Richtung Kanada fahren. Es ist ein 21 jähriger Japaner der nach San Diego fahren möchte. Also radeln wir zu dritt aus der Stadt hinaus.

Hauptgesprächsthema des Tages sind die ersten großen Waldbrände des Jahres. Von der Straße aus sehen wir mehrere große Brandherde von denen riesige Rauchwolken in die Höhe ragen. Das größte Feuer ist in der Nähe des kleinen Ortes Chicken den ich ja auch schon bereist habe. Wegen des Feuers ist sogar der Top of the world Highway gesperrt. Wir auf unseren Fahrrädern haben mit ganz anderen Problemen zu kämpfen, nämlich mit der brütenden Hitze. Wie schon seit Tagen erreichen die Temperaturen 33 Grad im Schatten. Aber wo ist hier schon Schatten. Es heißt es sei der heißeste Juni in Alaska seit Beginn der Wetteraufzeichnungen.

Auf einmal hat Naoya einen platten, aber zusammen ist der Schaden schnell behoben. Bei der großen Hitze wird der Asphalt so heiß, das lauter kleine Steine an den Fahrradmänteln kleben, die sich dann irgendwann durch bohren. Das Radfahren mit denn beiden ist sehr lustig. Am Mittag suchen wir uns einen schönen Platz im Schatten und machen ein Picknick. Nach meiner kürzesten Etappe schlagen wir nach 108 km auf einem Campingplatz unser Lager auf. Am Abendhimmel wird eine riesige Feuerwolke von der Sonne so angestrahlt das man meinen könnte der Himmel stehe in Flammen. Im Westen stehen die großen Berge schön im Abendlicht und irgendwie vermisse ich Alaska jetzt schon.


Mit Helene und Naoya fahre ist zwei Tage lang durch Alaska
Mit Helene und Naoya fahre ist zwei Tage lang durch Alaska

37. Tag 25.06.2004 +++ 234km +++ Northway Junction - Kluane Village

Da ich meine Fähre auf keinen Fall verpassen darf fahre ich am Morgen zeitig alleine weiter, aber alle beide sind extra früh aufgestanden um mich zu verabschieden. Über Nacht hat sich leider der Himmel wegen den Feuern total zugezogen, so dass ich nur einige Kilometer weit sehen kann. Ich erreiche die Grenze zu Kanada, aber irgendwie fehlen mir doch die beiden. Auf der ganzen Fahrt hatte ich keine Probleme mit dem alleine sein, das jetzt ist das erste Mal. Während der Fahrt lernt man sehr viele nette Menschen kennen, die aber leider auch schnell wieder weg sind.

Auch im Yukon Territorium gibt es sehr viele Waldbrände. nahe dem Ort Beaver Creek denn ich passiere brennt der Wald auf einer Fläche von 50.000 Hektar. Aber die Menschen überlassen die meisten Feuer sich selbst, und greifen erst ein wenn Wohnhäuser gefährdet sind. Die Wälder in Nordamerika brennen schließlich schon seit Jahrtausenden. Zum Glück kann ich in dem Rauch ganz normal Atmen. Am Abend treffe ich auf eine organisierte Radgruppe. Die 16 Mann zählende Truppe ist in Dawson Creek gestartet und fährt bis Fairbanks hoch. Der Chef der Gruppe erzählt mir, dass er in Hawaii wohnt und Radreisen in Nordamerika, Europa und Neuseeland organisiert. Ich denke mir nur, der man hat vielleicht ein Leben.


Die Landschaft ist für Tage in einen Dunst gehüllt
Die Landschaft ist für Tage in einen Dunst gehüllt

38. Tag 26.06.2004 +++ 211km +++ Kluane Village - Dezadeash Lake

Bei zusammenpacken am Morgen kommt mir ein junger Man entgegen den ich schon einmal getroffen hatte. Er kommt aus Ost-Deutschland und fährt mit dem Fahrrad durch Alaska und Nordkanada. Das letzte Mal habe ich ihn im Denali Park gesehen. Er wird leider vom Pech verfolgt, erst wurde ihm eine Fahrradtasche geklaut so musste er zurück nach Anchorage und ein neues Paar kaufen, dann hatte er Probleme mit den Radreifen und musste mit dem Bus nach Fairbanks und nun ist auch noch der Highway gesperrt den der fahren wollte.

Gegen Mittag führte ich ein Stück mit einem Holländer der mit seinem Fahrrad bis nach Südamerika fahren will. Im Ort Haines Junction lade ich meine Packesel noch einmal richtig voll, denn auf den nächsten 256 km gibt es wieder einmal keine Versorgungsstellen. Dann biege ich auf die Haines Road ab. Sie führt direkt am Kluane National Park entlang in dem sich auch der Mount Logan befindet der mit einer Höhe von 6050 m der höchste berg Kanadas ist. Zusammen mit dem in Alaska angrenzenden Wrangell Nationalpark umfasst diese Bergregion das größte zusammenhängende Gebiet von Eisfeldern und Gletschern außerhalb der Arktis.

Am Abend bin ich ganz alleine aus dieser Traumstraße unterwegs, es ist ein Gefühl völlig frei zu sein. Dann erreiche ich den Dezadeash Lake Campground auf dem ich heute Nacht übernachten will. Der See ist umrahmt von bergen, die rote Abendsonne steht am Himmel, wieder eine Stimmung, zu schön um war zu sein.


Biker auf dem Alaska Highway
Biker auf dem Alaska Highway

39. Tag 27.06.2004 +++ 200km +++ Dezadeash Lake - Haines

Am Morgen sehe ich einen man der mit seinem Auto die Straße auf und ab fahren. nach einiger Zeit sehe ich ihn am Straßenrand stehen und links von ihm ist eine riesige Grizzlymutter mit ihrem auch nicht gerade kleine jungen unterwegs. Die Entfernung zu den Bären beträgt vielleicht gerade mal 50 Meter, deshalb fährt er neben mir her bis ich in sicherem abstand bin. Es stellt sich heraus das John ein Berufsfotograf ist und auf Bärenfotos aus ist. Er macht Fotos für Bildbände, Gruß- und Postkarten, wohnen tut er im Banff Nationalpark, da hat er ja jede Menge schöner Fotomotive vor der Haustüre. Gestern so erzählt er mir hat er acht Grizzlybären gesehen, und zwar alle vor 7 Uhr morgens wenn noch keine anders Auto unterwegs ist. Interessierte können seine Fotos auf der Webseite anschauen. Info im Internet: http://www.wildernessprints.com

Dann führt die Straße noch einmal nach Alaska hinein, aber irgendwie kommt es mir so vor als sei ich dieses Mal unerwünscht. Wieder einmal bläst mir stürmischer Wind vom Meer entgegen, so das die letzten Kilometer wieder richtig schwer werden. Dann erreiche ich einen großen Strom der aus den Bergen kommt. Jeden Winter versammeln sich Weißkopf-Seeadler an einem eisfreien Abschnitt des Chilkat River, um sich auf die um diese Zeit hier laichenden Chum Lachse zu stürzen. Mitte November bevölkern etwa 3000 Adler das 35 Kilometer außerhalb von Haines gelegene Bald Eagle Preserve.

Wieder einmal geht mir die Nahrung aus so dass ich auf den letzten Kilometer hungern muss. Problem ist ich habe nicht mehr so viel Fettreserven und die rückt der Körper nicht mehr so ohne weiteres heraus, so das ich ständig am Essen bin. Als ich endlich Haines erreiche ist mir der Preis egal und so steuere ich die erste Tankstelle an die ich finde. Dann traue ich meine Augen nicht wer kommt da zu Türe herein. Es ist ein Deutscher der mit seinem Auto durchs Land fährt, ich hatte ihn vor Wochen in Whitehorse getroffen und hätte nie gedacht dass ich ihn noch einmal treffe. Irgendwie denke ich das ist alles so gewollt, erst der Wind dann der Hunger dazu. Ich wäre nie in die Tankstelle und er ist zufällig hier auf die Toilette gegangen. Oder manchmal hatte ich Gegenwind und bin so auf wunderschön gelegene Campingplätze gekommen, ich werde immer gleich entschädigt wenn ich leiden muss.

Als ich den Fjord erreiche sind die Berge total zugezogen. Insgesamt habe ich nun 5960 Kilometer mit dem Rad zurückgelegt. Die Fähre hat 2 Std. Verspätung so dass alle Leute erst um Mitternacht auf das Schiff können. Während wir warten müssen geht ein Gewitter über dem Ort nieder, das ist mein erster Regen seit einer Ewigkeit. Oben auf eine geschützten Deck baue ich mein Zelt im Freien auf. Ich erfahre auch von einem hierher ausgewanderten Deutschen der auf der Matanuska arbeitet das es schon einige Zelte von Bord geweht hat, also binde ich es an einen sicheren Platz vorsichtshalber mal an.


Die Haines Road führt direkt an den bis zu 6000 Meter hohen Kluane National Park entlang
Die Haines Road führt direkt an den bis zu 6000 Meter hohen Kluane National Park entlang


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