Südamerika Fahrradreise - Argentinien - Chile
 Oktober 2009 - Mai 2010
 
 

4. Reisebericht – Carretera Austral


Glaciar Ventisquero o’Higgins

Nachdem wir zwei Tage auf der schönen Wiese mit der fantastischen Aussicht auf Ricardos Estanzia
verbracht haben, können wir heute um 11 Uhr die Fähre nach Villa o’Higgins nehmen.
Zuvor ruft uns Ricardo noch zu sich. Er treibt gerade mit seinem Bruder und ein paar lautstarken Hunden
Rinder auf die Wiese. Mit einem Lasso fängt er einen Bullen. Der Bulle wird zu Fall gebracht.
Wir ahnen schon, was jetzt kommen wird. Ricardo stößt mit einem schnellen Ruck dem Tier
sein scharfes Messer in den Hals. Es dauert eine Weile bis der Bulle verblutet
ist nicht schön, das mit anzusehen. Als Ricardos Bruder dann auch noch die Messer wetzt,
verabschieden wir uns eiligst von der Familie.

 

 
Heute herrscht wieder traumhaftes Wetter und so wird die Fährfahrt spektakulär.
Das Boot steuert den Glaciar Ventisquero o’Higgins an. Der Blick zum Gletscher ist atemberaubend.
Ein Beiboot wird abgelassen und es wird frisches Gletschereis „gefischt“, für den Whisky on the rocks.
Das Boot hält sich lange am Gletscher auf und nachdem alle Passagiere ihren Whisky oder ihre Cola
mit dem jahrhundert altem Eis getrunken haben geht es Richtung Villa o’Higgins.



 



 

 
Auf der Strecke wird das Boot auf einmal langsamer und wir sehen, dass ein Mann mit
nacktem Oberkörper auf das Boot zugerudert kommt. Der Mann gibt den Schiffsleuten Salat
und bekommt dafür eine Limo und eine Packung Kekse. Danach rudert er,
beobachtet von 50 Augenpaaren zu seiner in der Wildnis liegenden Farm zurück.

 


Villa o‘Higgins

Um 20 Uhr erreichen wir den Fähranleger von Villa o’Higgins. In den Ort sind es noch einmal 7 km
und da wir ja noch keinen Schnellspanner haben, nimmt uns ein netter Pickupfahrer mit in den Ort.
Auf dem Boot lerne wir Jacqueline und Marc, ein Schweizer Pärchen kennen,
die mit dem Motorrad unterwegs sind. Sie geben uns den Tipp vom Hostel Mosco.
Freundlich werden wir von Steffen (schon seit Jahren aus Deutschland ausgewandert nach Bolivien)
begrüßt, der mit seiner Frau Carmen, und seinem Freund Jorge über die Saison im Haus hilft.
Wir erläutern unser Problem mit dem Schnellspanner und sehen auch ein paar Fahrräder
und einen Fahrradanhänger am Haus stehen. Steffen meint wir können probieren ob einer passt.
Und tatsächlich, am Fahrradanhänger (Anhänger kam von Alaska mit einem Fahrradfahrer runter,
dieser hatte hier keine Lust mehr weiter zu radeln und ließ den Anhänger im Hostel stehen),
ist ein passender Schnellspanner. Am Abend klären wir es noch mit Jorge ab –
wir können den Spanner haben und sobald wir einen kaufen können (wahrscheinlich in Coyhaique)
sollen wir ihn zurückschicken. Wir verbringen 2 schöne Tage hier.
Nach und nach kommen immer mehr Radfahrer von Norden, die auf die nächste Fähre warten.
Es wird viel erzählt und Reiseerlebnisse ausgetauscht.

Die südliche Carretera Austral

Mein Knöchel ist noch etwas angeschwollen und das Einklicken in die Klickpedale funktioniert nicht,
aber ansonsten klappt es nach der einwöchigen Pause ganz gut mit dem Radeln. Bei unserem Start
ist es angenehm warm und nach wenigen km tauchen wir in die wilde Natur ein.
Auf grober Schotterpiste führt der Weg durch Waldgebiete vorbei an Seen und Flüssen.
Bei unseren Stopps kämpfen wir mit den fiesen Horsflys, die unzerstörbar scheinen.
Nachdem es an unserem ersten Tag auf der Carretera Austral dem Abend zugeht, sind wir
auf der Suche nach einem geeigneten Zeltplatz. Wir fahren an einer Waldhütte vorbei,
zwei Hunde schlagen an und ein älterer Mann kommt heraus. Er fragt uns, wo wir übernachten wollen.
Nach einem kurzen Gespräch sagt er, dass wir hinter seinem Haus gerne zelten können.
Wir verbringen einen schönen Abend in seiner Küche.
Wir unterhalten uns mit Händen, Füßen und unserem Wörterbuch.

 


 

Weiter geht es in nordisch anmutender Landschaft, durch Moore, Sümpfe, Wasserfälle stürzen
an den steilen Felshängen herab. Das einzige Zeichen von Zivilisation ist die Straße – Natur pur.
Hier in dieser Einsamkeit dürfen wir eines der seltenen Huemul sehen. Das Huemul ist eine Hirschart,
sie stehen auf der Liste der stark gefährdeten Tierarten. Schätzungsweise gibt es wohl nur noch 2000 ihrer Art.  
Unser Huemul grast in aller Seelenruhe weiter und wir können es minutenlang fotografieren
bis es gemächlich den Hang hinauf trottet. Bei einsetzendem Regen erreichen wir die letzte Fähre,
die uns vom Fähranleger Rio Bravo über den Mitchell Fjord nach Puerto Yungay befördert.

 



 

Nach Puerto Yungay steigt die Straße auf über 400 m an. Der Weg schlängelt sich
im Auf und Ab durch dichten Regenwald. Eine steile, grob geschotterte Abfahrt bringt uns zum Rio Baker,
dieser Fluss ist der wasserreichste von Chile. Am Wegesrand sehen wir immer wieder Protestschilder
gegen die großen Firmen, die den Fluss für die Stromgewinnung benutzen möchte.
Diese einzigartige Natur würde dadurch zerstört und verunstaltet werden.
Im Baker Tal führt uns eine 22 km lange Stichstraße in den sehr speziellen Ort Caleta Tortel.
Die Häuser sind durch Holzstege und Treppen miteinander verbunden.
Nur zu Fuß kann man sich diesen kleinen Ort an einer Meeresbucht gelegen ansehen.

 


vereinzelte Gehöfte am Rio Baker


Protestschild


Caleta Tortel


Einkaufen in Caleta Tortel


Einkaufen in Caleta Tortel

 

Die nächsten Tage bis nach Cochrane geht es durch schöne, wellige, einsame Landschaften.
Kaum Autos überholen uns. Wir haben diese wunderschöne Gegend für uns. Wir fahren vorbei an Seen,
erhaschen Blicke auf die Eiskappen des Campo de Hielo Norte und finden schöne Wildcampingplätze.

 



 

 

Im kleinen Städtchen Cochrane verbringen wir unseren Ruhetag. Auf unserem Campingplatz
lernen wir Peter (UK) und Brett (Südafrika) kennen. Beides Radler und auch nach Norden fahrend.
Der Abend mit den Zweien wird sehr lustig.

 

Als wir aufbrechen, folgt uns eine Hündin vom Campingplatz. Wir denken, dass sie nach ein paar km
wieder umdrehen wird, aber sie folgt uns ausdauernd, sogar bergab hält sie mit uns Schritt.
Anfangs geben wir ihr noch nichts zu essen aber nach 20 km bekommt sie dann doch was ab.
Sie hat ein ganz liebes Gemüt und der Tag mit ihr ist sehr lustig. Nach ca. 60 km kurz
vor unserem Campingplatz riecht sie einen Hasen und rennt in den Wald,
wie sie es davor auch schon einige Male gemacht hat, nur dass sie jetzt nicht mehr rauskommt.
Einige Minuten warten wir und rufen, aber nichts tut sich. So radeln wir ohne sie weiter,
machen uns aber viele Gedanken, ob sie alleine in der Wildnis zurechtkommen wird.

 





 

Wir verlassen nun für ein paar Tage die Carretera Austral und begeben uns auf den Abstecher
nach Chile Chico. Die Straße windet sich 122 km spektakulär an der Südseite des Lago General Carrera entlang.
Der Lago verläuft bis nach Argentinien, dort wird er Lago Buenos Aires genannt.
Er ist der zweitgrößte und der tiefste See Südamerikas. Seine türkisblaue Farbe und
die schöne Aussicht belohnt uns für die teilweise kräftigen Steigungen. Kurz vor Chile Chico
auch Sonnenstadt genannt, da die Stadt in einer speziellen Klimazone liegt, werden wir von Peter eingeholt.
Er erzählt uns, dass er einen Tag mit einem Hund gefahren ist, mit der Hündin vom Campingplatz.
Einen Tag nachdem wir sie verloren haben, hat sie sich Peter angeschlossen. Über 60 km ist sie ihm gefolgt.
Als sie frisches gegrilltes Fleisch bei Campern roch ist sie dort geblieben.
Die letzen Kilometer radeln wir zusammen bei schönem Rückenwind hinunter in die Stadt.
Am Campingplatz stößt ein paar Stunden später auch Brett wieder dazu.
Nun verabreden wir uns alle, gemeinsam Weihnachten in der Stadt Coyhaique zu verbringen.

 








Am nächsten Tag müssen wir früh raus, um 7 Uhr setzt die Fähre von Chile Chico nach
Puerto Ingeniero Ibánez über den Lago. Von dem Ort führt eine Straße zurück zur Carretera Austral.
Als unser Wecker um 5 Uhr klingelt, hören wir schon den Regen auf unser Zeltdach klopfen.
Schnell packen wir alles zusammen und radeln zum Fähranleger. Die Fähre steht schon da,
nur dürfen wir noch nicht drauf. Erst die Passagiere, dann die Autos und ganz zum Schluss wir -
macht ja nix, es schüttet ja nur in Strömen. Auf der zweistündigen Fahrt sehen wir
den Film „The day after tomorrow“, wir fühlen uns auch in Weltuntergangsstimmung als wir das Schiff verlassen.
Es gießt weiterhin wie aus Kübeln. So beschließen wir uns ein Hospedaje zu suchen und einen Tag auszuruhen.
Peter und Brett sind noch einen Tag in Chile Chico geblieben.
 
Ab Puerto Ibánez geht es auf Asphalt zum höchsten Punkt der Carretera, auf 1120m.
Peter holt uns an einer Bushaltestelle ein, wo wir geschützt unsere Mittagspause machen.
Zusammen fahren wir bei anhaltenden Regen zu dritt, die kehren reiche Bergstraße zum
Passo Portezuelo Ibanez hoch. Je höher wir den Pass hinauf kurbeln, desto mehr geht der Regen
in Schneetreiben über. Nach dem obligatorischen Passfoto stürzen wir uns vergnügt
in die Abfahrt hinunter, der Himmel reißt wieder auf und die Sonne kommt hindurch.
Am Abend finden wir unweit des Örtchens El Blanco am Fluss eine schöne Wiese zum Campen.

 





 

Weihnachten

Am 24.12. kommen wir mittags in Coyhaique an. Wir finden Peter, Brett und Michael
(Schweizer Reiseradler, den Peter und Brett schon vor einigen Wochen kennengelernt haben
und mit uns Weihnachten verbringen wird) vor einem Restaurant sitzend mit einem Glas Bier in der Hand.
Der Campingplatz liegt 1,5 km außerhalb von Coyhaique. Ich habe versprochen, für uns heute Abend zu kochen.
Es gibt Fleischpflanzerl und Kartoffelsalat. Zum Glück haben wir auf dem Platz eine kleine Unterstellhütte,
da es leider immer wieder regnet. Für dieses Festmahl sind alle Kocher im Einsatz.
Jeder hilft mit, beim Schnippeln und Braten. Zusammen mit unseren internationalen Reisegefährten
genießen wir bei Bier und Wein den Weihnachtsabend.

 




 Den 25.12. verbringen wir gemeinsam ab Mittag in einem Restaurant.
Bis Abends sitzen wir gemütlich zusammen.

 

Die nördliche Carretera Austral

 
Die restlichen Tage auf der Carretera sind ziemlich verregnet. Die Strecke verläuft nochmals
durch dichten Regenwald und an einem Hängegletscher (Glaciar Colgante) vorbei. Unser Plan sah eigentlich vor,
bis nach Chaitén zu radeln und dort mit der Fähre auf die Insel Chiloé überzusetzen.
Doch nun wollen wir raus aus dem Dauerregen. So entschließen wir uns die Carretera zu verlassen
und nach Futalafu zu fahren, um dort die Grenze nach Argentinien zu passieren.
Schon auf dem Weg Richtung Futalfu kommt endlich wieder die Sonne hervor und es wird angenehm warm.
Neben uns fließt der Reißende Strom des Rio Futalfu, der bei Raftern sehr beliebt ist.

 









Wir freuen uns schon auf das Seengebiet in Argentinien.
Dennoch blicken wir wehmütig an die Carretera zurück. Vor allem der südliche Teil, mit der abwechslungsreichen,
wunderschönen Landschaft und die einsamen Landstriche waren für uns ein Highlight. 

 

 

 Zurück zur Südamerikareise Zurück zur Hauptseite