4. Reisebericht – Carretera Austral
Glaciar
Ventisquero o’Higgins
Nachdem wir zwei Tage auf der schönen Wiese mit der
fantastischen Aussicht auf Ricardos Estanzia
verbracht haben, können wir heute
um 11 Uhr die Fähre nach Villa o’Higgins nehmen.
Zuvor ruft uns Ricardo noch zu
sich. Er treibt gerade mit seinem Bruder und ein paar lautstarken Hunden
Rinder
auf die Wiese. Mit einem Lasso fängt er einen Bullen. Der Bulle wird zu Fall
gebracht.
Wir ahnen schon, was jetzt kommen wird. Ricardo stößt mit einem
schnellen Ruck dem Tier
sein scharfes Messer in den Hals. Es dauert eine Weile
bis der Bulle verblutet
ist nicht schön, das mit anzusehen. Als Ricardos
Bruder dann auch noch die Messer wetzt,
verabschieden wir uns eiligst von der
Familie.
Heute herrscht wieder traumhaftes Wetter und so wird die
Fährfahrt spektakulär.
Das Boot steuert den Glaciar Ventisquero o’Higgins an.
Der Blick zum Gletscher ist atemberaubend.
Ein Beiboot wird abgelassen und es
wird frisches Gletschereis „gefischt“, für den Whisky on the rocks.
Das Boot
hält sich lange am Gletscher auf und nachdem alle Passagiere ihren Whisky oder
ihre Cola
mit dem jahrhundert altem Eis getrunken haben geht es Richtung Villa
o’Higgins.
Auf der Strecke wird das Boot auf einmal langsamer und wir
sehen, dass ein Mann mit
nacktem Oberkörper auf das Boot zugerudert kommt. Der
Mann gibt den Schiffsleuten Salat
und bekommt dafür eine Limo und eine Packung
Kekse. Danach rudert er,
beobachtet von 50 Augenpaaren zu seiner in der Wildnis
liegenden Farm zurück.
Villa o‘Higgins
Um 20 Uhr erreichen wir den Fähranleger von Villa o’Higgins.
In den Ort sind es noch einmal 7 km
und da wir ja noch keinen Schnellspanner haben,
nimmt uns ein netter Pickupfahrer mit in den Ort.
Auf dem Boot lerne wir Jacqueline
und Marc, ein Schweizer Pärchen kennen,
die mit dem Motorrad unterwegs sind. Sie
geben uns den Tipp vom Hostel Mosco.
Freundlich werden wir von Steffen (schon
seit Jahren aus Deutschland ausgewandert nach Bolivien)
begrüßt, der mit seiner
Frau Carmen, und seinem Freund Jorge über die Saison im Haus hilft.
Wir erläutern
unser Problem mit dem Schnellspanner und sehen auch ein paar Fahrräder
und
einen Fahrradanhänger am Haus stehen. Steffen meint wir können probieren ob
einer passt.
Und tatsächlich, am Fahrradanhänger (Anhänger kam von Alaska mit
einem Fahrradfahrer runter,
dieser hatte hier keine Lust mehr weiter zu radeln
und ließ den Anhänger im Hostel stehen),
ist ein passender Schnellspanner. Am
Abend klären wir es noch mit Jorge ab –
wir können den Spanner haben und sobald
wir einen kaufen können (wahrscheinlich in Coyhaique)
sollen wir ihn
zurückschicken. Wir verbringen 2 schöne Tage hier.
Nach und nach kommen immer
mehr Radfahrer von Norden, die auf die nächste Fähre warten.
Es wird viel erzählt und Reiseerlebnisse ausgetauscht.
Die südliche
Carretera Austral
Mein Knöchel ist noch etwas angeschwollen und das Einklicken
in die Klickpedale funktioniert nicht,
aber ansonsten klappt es nach der
einwöchigen Pause ganz gut mit dem Radeln. Bei unserem Start
ist es angenehm
warm und nach wenigen km tauchen wir in die wilde Natur ein.
Auf grober
Schotterpiste führt der Weg durch Waldgebiete vorbei an Seen und Flüssen.
Bei
unseren Stopps kämpfen wir mit den fiesen Horsflys, die unzerstörbar scheinen.
Nachdem
es an unserem ersten Tag auf der Carretera Austral dem Abend zugeht, sind wir
auf der Suche nach einem geeigneten Zeltplatz. Wir fahren an einer Waldhütte
vorbei,
zwei Hunde schlagen an und ein älterer Mann kommt heraus. Er fragt uns, wo
wir übernachten wollen.
Nach einem kurzen Gespräch sagt er, dass wir hinter
seinem Haus gerne zelten können.
Wir verbringen einen schönen Abend in seiner
Küche.
Wir unterhalten uns mit Händen, Füßen und unserem Wörterbuch.

Weiter geht es in nordisch anmutender Landschaft, durch
Moore, Sümpfe, Wasserfälle stürzen
an den steilen Felshängen herab. Das einzige
Zeichen von Zivilisation ist die Straße – Natur pur.
Hier in dieser Einsamkeit
dürfen wir eines der seltenen Huemul sehen. Das Huemul ist eine Hirschart,
sie
stehen auf der Liste der stark gefährdeten Tierarten. Schätzungsweise gibt es
wohl nur noch 2000 ihrer Art.
Unser
Huemul grast in aller Seelenruhe weiter
und wir können es minutenlang fotografieren
bis es gemächlich den Hang hinauf
trottet. Bei einsetzendem Regen erreichen wir die letzte Fähre,
die uns vom
Fähranleger Rio Bravo über den Mitchell Fjord nach Puerto Yungay befördert.
Nach Puerto Yungay steigt die Straße auf über 400 m an. Der
Weg schlängelt sich
im Auf und Ab durch dichten Regenwald. Eine steile,
grob geschotterte Abfahrt bringt uns zum Rio Baker,
dieser Fluss ist der wasserreichste
von Chile. Am Wegesrand sehen wir immer wieder Protestschilder
gegen die großen
Firmen, die den Fluss für die Stromgewinnung benutzen möchte.
Diese einzigartige
Natur würde dadurch zerstört und verunstaltet werden.
Im Baker Tal führt uns
eine 22 km lange Stichstraße in den sehr speziellen Ort Caleta Tortel.
Die
Häuser sind durch Holzstege und Treppen miteinander verbunden.
Nur zu Fuß kann
man sich diesen kleinen Ort an einer Meeresbucht gelegen ansehen.
vereinzelte Gehöfte am Rio Baker
Protestschild
Caleta Tortel

Einkaufen in Caleta Tortel

Einkaufen in Caleta Tortel
Die nächsten Tage bis nach Cochrane geht es durch schöne, wellige,
einsame Landschaften.
Kaum Autos überholen uns. Wir haben diese wunderschöne
Gegend für uns. Wir fahren vorbei an Seen,
erhaschen Blicke auf die Eiskappen
des Campo de Hielo Norte und finden schöne Wildcampingplätze.


Im kleinen Städtchen Cochrane verbringen wir unseren
Ruhetag. Auf unserem Campingplatz
lernen wir Peter (UK) und Brett (Südafrika)
kennen. Beides Radler und auch nach Norden fahrend.
Der Abend mit den Zweien
wird sehr lustig.
Als wir aufbrechen, folgt uns eine Hündin vom Campingplatz.
Wir denken, dass sie nach ein paar km
wieder umdrehen wird, aber sie folgt uns ausdauernd,
sogar bergab hält sie mit uns Schritt.
Anfangs geben wir ihr noch nichts zu
essen aber nach 20 km bekommt sie dann doch was ab.
Sie hat ein ganz liebes
Gemüt und der Tag mit ihr ist sehr lustig. Nach ca. 60 km kurz
vor unserem
Campingplatz riecht sie einen Hasen und rennt in den Wald,
wie sie es davor
auch schon einige Male gemacht hat, nur dass sie jetzt nicht mehr rauskommt.
Einige Minuten warten wir und rufen, aber nichts tut sich. So radeln wir ohne sie
weiter,
machen uns aber viele Gedanken, ob sie alleine in der Wildnis
zurechtkommen wird.


Wir verlassen nun für ein paar Tage die Carretera Austral
und begeben uns auf den Abstecher
nach Chile Chico. Die Straße windet sich
122 km spektakulär an der Südseite des Lago General Carrera entlang.
Der Lago
verläuft bis nach Argentinien, dort wird er Lago Buenos Aires genannt.
Er ist
der zweitgrößte und der tiefste See Südamerikas. Seine türkisblaue Farbe und
die schöne Aussicht belohnt uns für die teilweise kräftigen Steigungen. Kurz
vor Chile Chico
auch Sonnenstadt genannt, da die Stadt in einer speziellen
Klimazone liegt, werden wir von Peter eingeholt.
Er erzählt uns, dass er einen
Tag mit einem Hund gefahren ist, mit der Hündin vom Campingplatz.
Einen Tag
nachdem wir sie verloren haben, hat sie sich Peter angeschlossen. Über 60 km ist
sie ihm gefolgt.
Als sie frisches gegrilltes Fleisch bei Campern roch ist sie
dort geblieben.
Die letzen Kilometer radeln wir zusammen bei schönem Rückenwind
hinunter in die Stadt.
Am Campingplatz stößt ein paar Stunden später auch Brett
wieder dazu.
Nun verabreden wir uns alle, gemeinsam Weihnachten in der Stadt Coyhaique
zu verbringen.

Am nächsten Tag müssen wir früh raus, um 7 Uhr setzt die
Fähre von Chile Chico nach
Puerto Ingeniero Ibánez über den Lago. Von dem Ort
führt eine Straße zurück zur Carretera Austral.
Als unser Wecker um 5 Uhr
klingelt, hören wir schon den Regen auf unser Zeltdach klopfen.
Schnell packen
wir alles zusammen und radeln zum Fähranleger. Die Fähre steht schon da,
nur
dürfen wir noch nicht drauf. Erst die Passagiere, dann die Autos und ganz zum
Schluss wir -
macht ja nix, es schüttet ja nur in Strömen. Auf der zweistündigen
Fahrt sehen wir
den Film „The day after tomorrow“, wir fühlen uns auch in
Weltuntergangsstimmung als wir das Schiff verlassen.
Es gießt weiterhin wie aus
Kübeln. So beschließen wir uns ein Hospedaje zu suchen und einen Tag auszuruhen.
Peter und Brett sind noch einen Tag in Chile Chico geblieben.
Ab Puerto Ibánez geht es auf Asphalt zum höchsten Punkt der
Carretera, auf 1120m.
Peter holt uns an einer Bushaltestelle ein, wo wir
geschützt unsere Mittagspause machen.
Zusammen fahren wir bei anhaltenden Regen
zu dritt, die kehren reiche Bergstraße zum
Passo Portezuelo Ibanez hoch. Je
höher wir den Pass hinauf kurbeln, desto mehr geht der Regen
in Schneetreiben
über. Nach dem obligatorischen Passfoto stürzen wir uns vergnügt
in die Abfahrt
hinunter, der Himmel reißt wieder auf und die Sonne kommt hindurch.
Am Abend
finden wir unweit des Örtchens El Blanco am Fluss eine schöne Wiese zum Campen.
Weihnachten
Am 24.12. kommen wir mittags in Coyhaique an. Wir finden
Peter, Brett und Michael
(Schweizer Reiseradler, den Peter und Brett schon vor
einigen Wochen kennengelernt haben
und mit uns Weihnachten verbringen wird) vor
einem Restaurant sitzend mit einem Glas Bier in der Hand.
Der Campingplatz
liegt 1,5 km außerhalb von Coyhaique. Ich habe versprochen, für uns heute
Abend zu kochen.
Es gibt Fleischpflanzerl und Kartoffelsalat. Zum Glück haben
wir auf dem Platz eine kleine Unterstellhütte,
da es leider immer wieder
regnet. Für dieses Festmahl sind alle Kocher im Einsatz.
Jeder hilft mit, beim
Schnippeln und Braten. Zusammen mit unseren internationalen Reisegefährten
genießen wir bei Bier und Wein den Weihnachtsabend.
Bis Abends sitzen wir gemütlich zusammen.

Die nördliche
Carretera Austral
Die restlichen Tage auf der Carretera sind ziemlich verregnet.
Die Strecke verläuft nochmals
durch dichten Regenwald und an einem
Hängegletscher (Glaciar Colgante) vorbei. Unser Plan sah eigentlich vor,
bis
nach Chaitén zu radeln und dort mit der Fähre auf die Insel Chiloé überzusetzen.
Doch nun wollen wir raus aus dem Dauerregen. So entschließen wir uns die
Carretera zu verlassen
und nach Futalafu zu fahren, um dort die Grenze nach
Argentinien zu passieren.
Schon auf dem Weg Richtung Futalfu kommt endlich
wieder die Sonne hervor und es wird angenehm warm.
Neben uns fließt der
Reißende Strom des Rio Futalfu, der bei Raftern sehr beliebt ist.



Wir freuen uns schon auf das Seengebiet in Argentinien.
Dennoch blicken wir wehmütig an die Carretera zurück. Vor allem der südliche
Teil, mit der abwechslungsreichen,
wunderschönen Landschaft und die einsamen
Landstriche waren für uns ein Highlight.