Südamerika Fahrradreise - Argentinien - Chile
 Oktober 2009 - Mai 2010
 
 

7. Reisebericht:  Paso Pircas Negras:  Jachal – Copiapo

Nach dem wir die Strecke von Chos Malal bis San Jose de Jachal mit dem Bus überbrückt haben, 
schwingen wir uns wieder auf die Räder. Die Zeit drängt. Wir wollen über den Paso Pircras Negras 
nach Chile fahren und dieser hat nur im Januar und Februar geöffnet.

Durch ein bizarres Tal gelangen wir zur Routa 40. Es wird heißer und heißer. 38 Grad im Schatten, der weit und breit nicht in Sicht ist. Unsere Getränke kochen schon fast. Unterwegs werden wir von einem argentinischen Pärchen mit gekühlter Gatorade versorgt. Von einem chilenischen Motorradfahrer bekommen wir einige Tipps für die anstehenden Andenüberquerungen. Nach 100km erreichen wir mit ausgetrockneten Kehlen den kleinen Oasenort Guandacol. Palmen, Weinanbau, Papageien, im Hintergrund die roten zerfurchten Hochanden. Jetzt erst mal eine kühle Cola! Heute leisten wir uns ein Hotel. 
Freudig sehen wir den Schwimmingpool und hüpfen gleich hinein.




Weiter geht es nach Villa Union. Von dort fahren wir leicht ansteigend zum letzten Versorgungsort San José de Vinchina 
vor dem Paso. Im Ort suchen wir zuerst die Gendarmerie am Ortsende in der Nähe der Plaza auf, um unseren Ausreisestempel zu erhalten. Hier bekommen wir auch die Information, dass die chilenische Grenze nur von Donnerstag – Sonntag geöffnet hat. Der Beamte zeigt uns noch ein Modell, wo man die Strecke mit den Refugios und Höhenmetern einsehen kann. 
Heute wollen wir noch ein Stück weiterfahren, jedoch müssen wir erst noch unseren Proviant besorgen. 
Es ist gerade Siesta Zeit und nur ein kleiner Laden ist geöffnet, dessen Auswahl sehr beschränkt ist. 
Wir beschäftigen die gesamte Familie mit unserem Einkauf.



Nachdem wir unsere Taschen zum Bersten gefüllt haben, radeln wir durch einen sich aufwindenden Canyon. Am Abend erreichen wir das kleine Dorf Alto Jagüé. In Vinchina wurde uns gesagt, dass wir hier eine Unterkunft finden würden. Wir fragen einen älteren Herrn, der uns aber nicht weiterhelfen kann. Es kommen noch drei Frauen dazu, die uns zu den Parkverwaltern der Laguna Brava bringen. Die Männer sind sehr freundlich und wir dürfen auf dem Grundstück zelten, dürfen im Haus duschen und kochen. Am nächsten Morgen füllen wir für die nächsten Tage unsere Wassersäcke und verabschieden uns, die Männer machen einen sehr besorgten Eindruck und fragen immer wieder, ob wir alles haben.







Die heutige Etappe führt uns auf Asphalt leicht ansteigend weiter nach oben. Noch ist der Wind auf unserer Seite. 
Unterwegs treffen wir auf eine argentinische Radfahrergruppe mit Begleitfahrzeug. Hier werden wir mit Wasser, Bananen und Bonbons versorgt. Am Abend schlagen wir unser Zelt windgeschützt unterhalb einer Straßenbrücke auf. 
Im trockenen Lehmboden finden wir Pumaspuren.




Dieser Tag ist einer der anstrengensten überhaupt. Der Asphalt hört nach wenigen Kilometern auf. Strenger Gegenwind sowie Sturm setzte ein. Sandstürme, die den Kiesel und Sand aufwirbeln, schleudern uns mit voller Wucht gegen den Körper und ins Gesicht. Wir kauern uns auf den Boden, ich (Moni) schrei mir den Frust von der Seele, es tut verdammt weh. Wir kommen fast nur schiebend voran. Heute haben wir nur 17km geschafft aber mit einigen Höhenmeter. Wir erreichten ziemlich K. o. das Refugio (3600m), wo wir in die Steinhütte unser Zelt reinstellten. Unsere Mitbewohner sind ein paar Mäuse, die sich durch uns nicht beirren lassen.






Heute geht es zur Laguna Brava (Brava = wild, stürmisch). Die Umgebung dieses Gewässers ist ein Naturreservat zum Schutz seiner vielen dort lebenden Vikunjas – Verwandten des Lamas. Wie es die Namensgebung der Lagune schon beschreibt, ist der Wind heute auch wieder wild und ungezähmt gegen uns, aber zum Glück keine Sandaufwirbelungen. Die Landschaft ist dort oben einmalig. Die Berge sind bunt und ganz anders, ganz speziell. Der höchste Punkt an diesem Tag ist 4487m. Wir sehen vor uns die Sechstausender Vulkane aufragen. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl auf dieser Hochebene zu radeln. Man merkt, dass die Luft dünner ist und man langsamer in den Bewegungen wird, öfters stehen bleiben muss, um durchzuatmen. Aber wir haben uns gut akklimatisiert, haben keine Kopfschmerzen, Übelkeit etc. Der Appetit nimmt deutlich ab. Obwohl wir sehr viel Energie verbrauchen, haben wir keinen Hunger. Unterwegs hält eigentlich fast jedes Auto an. Von allen bekommen wir Wasser gesponsert. Insgesamt über den gesamten Pass waren es ca. 15 Liter. Sogar von der Polizei. Das meiste Wasser bekamen wir bis zur Laguna Brava, da bis dorthin die Touristen fahren. Danach wird es sehr ruhig, kaum noch Autos. Von deutschen Touristen erfahren wir, dass sie von uns schon in Vinchina gehört haben (zwei Radfahrer überqueren den Pass). Spät am Abend erreichen wir das zweite Refugio an der Laguna Brava (4320m). Die Refugios sind wirklich super. Ein aus Steinen gebautes rundes Haus, das uns vor Wind und Kälte schützt. Am Morgen haben wir im Zelt + 14 Grad, draußen sind es nur minus 3 Grad! Diesmal ist unser Mitbewohner eine Leiche, die draußen vor der Hütte begraben ist, nur durch Steine zugedeckt, wo man aber reinschauen kann und das Skelett sieht. Wir haben davon schon am ersten Refugio von Reisenden gehört, dass sie dort liegt - seit 50 Jahren aber tot ist. Wir beschließen, uns das Skelett erst am nächsten Morgen anzusehen. 

















Vor Sonnenaufgang stehen wir auf, um zeitig auf dem Rad zu sitzen, um den Wind noch eine Weile zu entkommen. Aber sobald der erste Sonnenstrahl den Boden berührt, ist auch der schneidige Wind wieder da. Es kostet schon immer Überwindung, die wohlige warme Hütte zu verlassen und bei 0 Grad alles zu packen und sich aufs Rad zu schwingen. Jedoch lohnt sich das frühe Aufstehen alle mal, die Morgenstimmung ist nur noch fantastisch. Im Norden gleiten langsam die majestätischen Berge vorbei. Viele Vikunjas ziehen auf der Ebene umher. Dieses Gefühl, auf dieser Hochebene zu fahren, so schön, so unbeschreiblich. Solche Momente wird man sein Leben nicht vergessen, für solche Momente lohnt sich jede Müh. Weit und breit kein Zeichen von Zivilisation – nur die jetzt wieder beginnende Asphaltstraße erinnert daran. Ein Auto kommt uns in zwei Tagen bis zum Passübergang entgegen, sonst keine Menschenseele. 






































Wir nähern uns dem „limite International“ auf 4165m. Der Grenzübergang ist nicht der höchste Punkt des Passes. Oben angekommen schießen wir die obligatorischen Passbilder und stürzen uns in die Abfahrt. Auf der chilenischen Seite löst sich das schöne Asphaltband leider auf und die Straße wird zur Schotterpiste. Nach wenigen Kilometern bergab geht es auch schon wieder nach oben bis auf 4260m. Dann endlich können wir bis zur Grenzabfertigung auf 3300m hinunterrollen.

















An der Zollabfertigung erfahren wir, dass wir die ersten Fahrradfahrer dieses Jahres sind und wahrscheinlich auch die letzten, da der Pass nur im Januar und Februar geöffnet hat. Wir haben Glück, in drei Tagen schließt der Pass! Es fahren kaum Leute über die Bergstrecke. In der Liste stehen 15-20 Grenzübertritte für dieses Jahr, auch im letzten Jahr ist die Spalte sehr schmal.

So sind wir natürlich eine schöne Abwechslung für die fünf Grenzbeamten. Zuerst müssen wir in das Häuschen, wo wir unseren Einreisestempel bekommen, dann in das Häuschen, indem wir den Zettel ausfüllen müssen, dass wir kein Obst, Gemüse, Milchprodukte, Fleisch etc. mit uns führen, dann zum nächsten Beamten, der den Zettel abstempelt. Nach dem Formularwesen, das wir ja kennen, geht’s an die Fahrräder – an keinem Grenzübergang wurden wir so gründlich gefilzt wie bei diesem. Alles mussten wir herausnehmen und auch noch erklären. Und natürlich stehen alle fünf Beamten um uns. Wir sind für die ein schöner Zeitvertreib, aber sie sind sehr freundlich und wir bekommen auch noch drei Notfallnummern für den Fall der Fälle mit. 




Die Landschaft ändert sich, langsam kommen ein paar grüne Wiesen hervor, aber auch viel graue Steinwüste. Eine fiese Gegensteigung erwartet uns, wo wir nochmals 800 Höhenmeter nach oben kraxeln müssen. Doch dann geht es bis Copiapo nach unten.













Einen Ruhetag verbringen wir in Copiapo. In der Nacht um 3.30 Uhr werden wir durch Bettrütteln aus unserem Schlaf gerissen. Danach ist der Strom bis 10 Uhr weg. Erst dann sehen wir im TV die schrecklichen Bilder vom 1000km entfernten Epizentrum Concepcion. Wir haben ca. 4-5 auf der Richterskala, in Concepcion 8,8!!! Vor ein paar Wochen sind wir in dieser Region noch Rad gefahren (Los Angeles, ist auch betroffen) und haben sehr liebe Menschen aus Concepcion kennen gelernt. Das schockt einen schon sehr. Mit gemischten Gefühlen setzten wir die Fahrt zum Pazifik fort.



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